Literatur : Wer immer nur schweigt...

Langeweile und Perspektivlosigkeit – Daniel Höra erzählt vom Alltag im Plattenbau

Margit Lesemann

„Du darfst kein Opfer sein.“ Wer in der Platte lebt muss „ziemlich tough“ sein, diese Erfahrung hat Alex mit seinen 14 Jahren längst gemacht. „Da kannst du schlau sein, wie du willst. Das nützt dir gar nix.“ Der Junge wächst in Schwedt an der Oder auf, eine Stunde nordöstlich von Berlin. In einer Plattenbausiedlung, die auch schon bessere Zeiten gesehen hat. „Alles bröckelte. Nicht nur der Beton, auch die Nerven des Alten.“ Seit mehr als 15 Jahren ist Alex‘ Vater arbeitslos, seine Mutter starb vor Jahren an Krebs, die Familie seines besten Freundes hat – wie so viele – die Stadt Richtung Westen verlassen.

An der Tankstelle oder an der Bank zwischen Block zwei und drei der Siedlung trifft sich Alex mit seinen Freunden, all jenen, die woanders in der Stadt keinen Platz finden. Die Langeweile schweißt zusammen. „Es gab ja nichts. Keine Arbeit, kein Vergnügen. Schwedt war schon fast eine Geisterstadt. Nur die Alten und die Deppen spukten da noch rum. Und wir.“ Neonazis, Hip-Hopper, Sprayer, Punks, wenn sie nicht rumhängen, klauen sie im Einkaufscenter oder sie brechen in eine Laube ein. „Hätte ich unser Leben zeichnen müssen, hätte ich es grau gemalt“, meint Alex. „Okay, vielleicht nicht nur grau. Ich hätte auch Schwarz genommen und etwas Braun.“

Daniel Höra lässt Alex seine Geschichte selbst erzählen und führt mitten hinein in den trostlosen Alltag in der heruntergekommenen Plattenbausiedlung. Dass er dabei konsequent die Sprache der Jugendlichen benutzt, macht sein Jugendbuchdebüt glaubhaft und authentisch. Der Autor, der nach verschiedenen Jobs und nachgeholtem Abitur heute als Fernsehredakteur in Berlin lebt, weiß wovon er schreibt. Er wuchs in einer Hochhaussiedlung am Stadtrand von Hannover auf und machte in seiner Jugend selbst Erfahrungen mit Polizei und Justiz. Zwar ist die Geschichte in Schwedt angesiedelt, die Handlung könnte aber auch in Berlin und überall in Deutschland spielen. Denn wohl jede Stadt hat sie: diese Viertel, die scheinbar nicht dazugehören und denen die meisten versuchen fernzubleiben.

Alex‘ Leben gerät vollends aus der Bahn, als eines Tages eine alte Frau erschlagen in ihrer Wohnung gefunden wird. Für die Nachbarin ist sofort klar: Alex ist der Mörder. Sie hat beobachtet, wie er der Frau kurz zuvor die Einkaufstüten in die Wohnung trug. „Ich war es nicht.“ Alex beteuert seine Unschuld, immer bemüht nach außen den coolen Jugendlichen zu geben. Doch für die Polizei ist Alex ebenso schuldig wie für die Medien. Und auch seine vermeintlichen Freunde trauen ihm die Tat zu. Sie ziehen sich zurück, verstoßen, bedrohen und verprügeln ihn. „Mein Leben war ein Minenfeld geworden und bei jedem Schritt konnte ich in die Luft fliegen.“

Daniel Höra gelingt es auf eindringliche Weise, die Perspektivlosigkeit darzustellen und zugleich Verständnis zu wecken. Dabei geht es ihm auch um die Suche nach dem eigenen Wert, um Liebe und Vertrauen. Denn zum Glück gibt es Menschen, die an Alex glauben. Es ist, als würde Alex‘ Vater, der selbst gerade in Schwierigkeiten lebt, durch die Verdächtigungen gegen seinen Sohn erst wachgerüttelt. Er ist nicht der Einzige, dem die Sache zu denken gibt. Wer immer nur schweigt oder mitläuft, macht sich mitschuldig. Debbie und Fletcher, zwei neue Freunde, stellen sich hinter Alex und suchen nach dem wahren Täter. Daniel Höra ist ein spannender Roman gelungen, realitätsnah und ohne dröhnende Belehrung.

Daniel Höra: Gedisst. Bloomsbury Kinder- & Jugendbücher, Berlin 2009. 220 Seiten, 9,90 Euro. Ab 14 Jahren.

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