Wilfried Stroh : Die Waffen der Vernunft

Ach, Athen: Wilfried Stroh entwirft eine gar nicht so kleine Geschichte der antiken Rhetorik. Es gibt wohl kaum eine Anekdote, kaum einen Witz, kaum eine Absonderlichkeit aus dem uns überlieferten Rede- und Bildungsbetrieb der Antike, die dem genüsslich erzählenden Autor entgangen wäre.

Gert Ueding

Das Versprechen, sich kurz zu fassen, gehört zu den ältesten rhetorischen Techniken, mit deren Hilfe sich der Redner das Wohlwollen seines Auditoriums sichert. Es ist Wilfried Stroh natürlich wohlbekannt, und so hat er sein Buch über die „Macht der Rede“ mit dem Untertitel versehen: „Eine kleine Geschichte der Rhetorik im alten Griechenland und Rom“. Herausgekommen ist freilich ein 600-Seiten-Buch, und dem Leser mag es nun ergehen wie dem Zuhörer eines kein Ende findenden Redners, der ihm anfangs das Gegenteil verheißen hatte: Er fühlt sich düpiert.

Stroh, ein bunter Vogel unter seinen altphilologischen Kollegen, der auch schon mal im römischen Kostüm als Sänger vor sein Publikum tritt, ist für seinen bizarren Humor bekannt und mag den Effekt einkalkuliert haben. Jedenfalls wirkt der Untertitel wie ein ironisches Aperçu auf die eigene Erzählweise, die jede Gelegenheit benützt, ins Weite zu schweifen, Exkurse, Anekdoten, Geschichten so episch wie möglich auszumalen. Amplificatio hat die römische Rhetorik dieses auf Ausschmückung und Fülle setzende Verfahren genannt. Stroh beherrscht es „aus dem Efef“, um es in seiner manchmal schnoddrigen Ausdrucksweise zu sagen – Vorzüge und Schwächen seines Buches haben hier gemeinsame Wurzel.

Denn es gibt wohl kaum eine Anekdote, kaum einen Witz, kaum eine Absonderlichkeit aus dem uns überlieferten Rede- und Bildungsbetrieb der Antike, die dem genüsslich erzählenden Autor entgangen wäre. Das nimmt zunächst für seine Rhetorikgeschichte ein, denn wir lesen lieber, wenn wir damit auch unterhalten werden, wie Quintilian, der erste Rhetorikprofessor der europäischen Geschichte, es schon um 90 n. Chr. niederschrieb.

So lesen wir von den Ursprungsmythen der Rhetorik, erfahren von den Reden, die die Helden in Homers „Ilias“ und „Odyssee“ halten, folgen amüsiert den Plädoyers des „Mordspezialisten Antiphon“, des ersten der kanonisch gewordenen zehn attischen Redner, und bedauern den „dialektischen Tausendsassa“ Gorgias, der wegen des Flirts mit einer schönen Sklavin unter häuslichem Unfrieden zu leiden hatte.

Wir erhalten also mitunter höchst intime Einblicke in das bürgerliche Leben der griechischen Stadtstaaten, vor allem Athens. Später folgen wir Ciceros Karriere, werden mit den Eigentümlichkeiten der lateinischen Prosa ebenso vertraut wie mit der Wahlkampforganisation in Rom und sehen Cicero allerdings höchst unrühmlich (und sehr viel später) sogar die Opernbühne betreten: in Salieris „Catilina“-Oper von 1792, deren Handlung Stroh, so berichtet er selbst, „der detaillierten Kritik der Uraufführung“ in der „Zeit“ verdankt.

Man merkt schon: Hier wird uns des Guten zu viel zugemutet. Gewiss: Stroh enthält dem Leser auch nicht den harten Kern an wesentlichen Ereignissen und Entwicklungen vor: Dass die Rhetorik im 5. Jahrhundert vor Christus entstand, und zwar nach der Beseitigung der Tyrannenherrschaft zunächst in Syrakus, dann in Athen, als Interessengegensätze auf rechtlichem, ökonomischem, politischem Gebiet öffentlich ausgetragen werden konnten. Dass sie ihre erste Blüte mit Gorgias und Protagoras in der sophistischen Aufklärung erlebte, die die Sprache endgültig aus dem mythologischen Denken befreite und die menschliche Rede zu einem rational und universell einsetzbaren Instrument des gesellschaftlichen Lebens machte.

Dass Aristoteles mit seiner Rhetorik das bis heute folgenreichste Theoriewerk des Faches schrieb und seine Aufgabe dahingehend bestimmte, „nicht … zu überreden, sondern zu untersuchen, was an jeder Sache Glaubwürdiges vorhanden ist“. Schließlich auch, dass Cicero in seinen rhetorischen Lehrschriften und seinen Reden der Rhetorik einen humanistischen Auftrag verschrieb und mit seinem Ideal des „perfectus orator“ die Redekunst auf die Grundlage einer umfassenden Allgemeinbildung und eines moralisch-politischen Verantwortungsbewusstseins stellte.

Kein Zweifel: Wer sich durch die 600 Seiten des Buches gekämpft hat, weiß jetzt, dass das antike System der Rhetorik mit seinen Methoden und Techniken nicht etwa veraltet ist, sondern so differenziert, so aus der europäischen Lebenswelt entwickelt und daher so brauchbar bis heute (bis zu einer Internet-Rhetorik!) geblieben ist wie keine spätere Medien- und Argumentationstheorie.

Aber kämpfen muss man sich durch eine Masse manchmal unterhaltsamer, manchmal trüber Fakten – auch durch einen Stil, der gelegentlich erfrischend wirken mag, dessen angestrengte Flapsigkeit aber auf Dauer schwer erträglich wirkt (ob vom „gehobenen Strichjungen“, von Wolllust als „unserer Wellness“ oder von einer „köstlichsten Type unter den Mandanten des Lysias“ die Rede ist). Auch versteigt sich Stroh zu fragwürdigen Bewertungen. Quintilian sei, wiederholt er mehrmals, der größte Rhetorikers Roms gewesen – was sich unbeschadet seines mit Recht gerühmten Lehrbuchs für das Rhetorikstudium nicht einmal aus seiner Wirkung ableiten lässt.

Auch Quintilian selber hat das viel klarer gesehen, wenn er diese Rolle Cicero zuerkannte, auf dessen theoretischem Boden er sich ziemlich ausschließlich bewegte. Oder wenn Stroh den Philosophen Gadamer dafür abkanzelt, dass er im rhetorischen Wahrscheinlichkeitsanspruch noch einen auf Wahrheit zielenden Geltungsanspruch erblickte und die hermeneutische Bedeutung der Rhetorik akzentuierte (wie das schließlich bereits Aristoteles vorgedacht hatte).

Wer sich in das Studium der Rhetorikgeschichte nur etwas vertieft, staunt, in welchem Maße ihr durch die Jahrhunderte hindurch eine Physiognomie eigen ist – wenn man Strohs dicke „kleine Geschichte“ kräftig abschminkt, gewinnt sie auch in seinem Buch noch ihre unvergleichlichen Konturen.

Wilfried Stroh:

Die Macht der Rede. Eine kleine Geschichte der Rhetorik im alten Griechenland und Rom. Ullstein Verlag, Berlin 2009.

608 Seiten, 22,95 €.

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