William Boyd : Das Heer der Vermissten

Hommage an London: William Boyds Thriller "Einfache Gewitter" entführt in den Untergrund.

Gerrit Bartels

Das Schöne an diesem neuen Roman von William Boyd ist, dass sich viel Gutes über ihn sagen lässt. So kann man „Einfache Gewitter“ zum Beispiel problemlos als Hommage an die Stadt London lesen. Als Hommage an ein London, dessen Hauptschlagader die Themse ist und das sich genauso strahlend und modern präsentiert wie düster und heruntergekommen. Eine Stadt, die bevölkert wird von Menschen, die immens reich sind – und die wiederum auf ihrer anderen Seite ein „Geisterheer der Vermissten“ beherbergt, die laut Boyd „groß und herzlos genug ist, um diese verschollenen Heerscharen in sich aufzunehmen, die verschwundene Bevölkerung Großbritanniens. Nur London konnte sie verkraften, ohne daran zu ersticken.“

Einer aus diesem Geisterheer ist Boyds Held, der Klimatologe Adam Kindred, der nach einem Vorstellungsgespräch zufällig in einen Mordfall verwickelt wird und für sich keine andere Chance mehr sieht als abzutauchen. Er verschwindet in Londons Untergrund und wird ein komplett anderer Mensch. Und so kann man dann genauso problemlos konstatieren, dass William Boyd in diesem Roman wieder einmal mit viel Hingabe und Geschick eines seiner Lieblingsthemen durchbuchstabiert: Was es für einen Menschen bedeutet, seine Identität zu wechseln. Was ein Mensch durchmachen muss, dem gar nichts mehr übrig bleibt, als sich neu zu erfinden – und der doch nur allzu oft von seinem alten Leben eingeholt wird.

Auch in seinem letzten Roman „Ruhelos“, einem Spionage-Roman aus den dreißiger und siebziger Jahren, hat Boyd eine Geschichte über Menschen mit wechselnden, auffällig falschen und täuschend echten Identitäten geschrieben, und überhaupt ist er ein listiger Biografien-Erfinder. Das muss natürlich jeder Schriftsteller sein, doch Boyd beherrscht es perfekt, seine Figuren solcherart mit Insignien der Wirklichkeit auszustatten, dass ihrem Leben nicht selten tatsächlich nachrecherchiert wird. So geschehen im Fall des Malers Nat Tate, über den Boyd eine Biografie schrieb und der New Yorks Kunstszene Ende der neunziger Jahre in helle Aufregung versetzte. So geschehen im Fall des Stummfilmregisseurs John James Todd aus dem Roman „Die neuen Bekenntnisse“, der 1988 erschien und auf dessen Spur sich ein paar Filmkritiker setzten. Oder auch im Fall des Schriftstellers Logan Mountstewart aus dem Roman „Eines Menschen Herz“ von 2005. Mountstewarts Tagebuch war solcherart angefüllt mit realen Geschehnissen des 20. Jahrhunderts, dass man glauben konnte, er hätte wirklich gelebt.

William Boyd ist ein Meisterfälscher, und er hat auch die Mittel, um einem großen Publikum diese Fälschungen nahezubringen. Seine Romane haben etwas Spielerisches und Leichtes, er schreibt lesefreundlich, um nicht zu sagen: konventionell. Und oft spürt man, dass Boyd viel vom Drehbuchschreiben versteht: Viele seiner Szenerien haben Filmreife. Zudem sind ihm starre Genregrenzen ein Gräuel, vom Hollywood-Melodram über besagte Künstlerbiografien und Yuppie- Satiren bis zum Entwicklungsroman hat er alles im Schriftstellerprogramm.

Womit wir bei dem weniger Guten an Boyds neuem Roman sind. „Einfache Gewitter“ soll nämlich ein Thriller sein, zumindest enthält er die genretypischen Anlagen. Als ein solcher kommt er jedoch nicht in die Gänge. Nach den ersten langen hundert Seiten ist man so schlau wie zu Beginn, und viel schlauer wird man genauso wenig. Viel spannender wird es auch nicht, weil die Geschichte zu durchsichtig ist: Im Zentrum des Geschehens steht ein Pharmaskandal um ein Anti-Asthmatikum, das einem Pharmakonzern hohe Umsätze bescheren könnte, das aber in der Erprobung versagt hat, wie der Allergologe Philip Wang herausfindet. Aus diesem Grund muss er sterben.

So gibt es hier die Bösen: der von der Pharmaindustrie angeheuerte, von hohen Regierungsstellen gedeckte Killer, die Bosse von zwei Pharmaunternehmen (von denen der eine wenigstens eine gelungene Karikatur ist) sowie ihre Helfershelfer. Und dort die Guten: Adam Kindred, der irgendwann doch rausfinden will, warum er so in die Bredouille gekommen ist, eine Polizistin, in die er sich verliebt, eine Prostituierte und ein paar weitere Nebenfiguren.

Wie es sich für einen Thriller gehört, wechseln kapitelweise die Schauplätze und die Figuren, aus deren Perspektive Boyd erzählt. Das soll Tempo und Spannung suggerieren, der Motivation, ihrer mentalen Beschaffenheit geht Boyd aber nur unzureichend auf den Grund. So genau konnte er sich anscheinend nicht entscheiden, wie tief er sich in die Psyche seiner Figuren eingraben soll, ohne den Fortgang seines Romans zu beeinträchtigen.

Warum Adam Kindred so konsequent in den Untergrund geht, ist nicht nachvollziehbar. Wie er es macht, die Erfahrungen, die er mit Leidensgenossen teilt, all das ist beeindruckend geschildert Dann fügt sich hier wieder eins zum anderen, hüpft dort ein Gott aus der Maschine, knarrt es hier im Romangebälk. So wechseln in „Einfache Gewitter“ Licht und Schatten, so wie in Londons Gesellschaft. Oder im Himmel über London. Und wie im richtigen Leben überhaupt.

William Boyd: Einfache Gewitter. Roman. Aus dem Englischen von Chris Hirte. Berlin Verlag, Berlin 2009. 445 Seiten, 25 €.

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