William Gay : Wo das Böse seelenruhig am Tisch sitzt

Ironisches Schauermärchen: William Gay beobachtet "Nächtliche Vorkommnisse" in den amerikanischen Südstaaten und betrachtet den ewigen Kampf zwischen Gut und Böse.

Oliver Pfohlmann

Am Anfang steht der diffuse Verdacht, irgendetwas könnte bei der Bestattung des alten Moose Tyler nicht mit rechten Dingen zugegangen sein. Corry und Kenneth, die Kinder des stadtbekannten Schwarzbrenners, sind so beunruhigt, dass sie ihren Vater in einer Nacht-und-Nebel-Aktion wieder ausgraben. Als sich ihr Verdacht auf grauenhafte Weise bestätigt, machen die Geschwister auf dem Friedhof einfach weiter. Der nächste Morgen offenbart ein bizarres Monstrositätenkabinett: In den geöffneten Gräbern liegen Tote paarweise in obszönen Stellungen, Leichen mit abgetrennten oder vertauschten Gliedmaßen oder einfach nur Särge voller Unrat.

Gewalt, Verfall und eine Fixierung auf perverse, groteske Sexualität gehören zu den Merkmalen der Southern-Gothic-Literature, der Literatur der amerikanischen Südstaaten. Man denke nur an William Faulkners berühmte Kurzgeschichte „Eine Rose für Emily“, in der eine angesehene alte Dame jahrzehntelang neben dem von ihr vergifteten Liebhaber schläft. Mit seinen bislang drei Romanen und einer Erzählsammlung gilt William Gay heute als einer der bedeutendsten Vertreter dieses Genres; in den USA wird er in einem Atemzug mit dem in Europa ungleich bekannteren Cormac McCarthy genannt. Ein Vergleich, der allerdings doch etwas zu hoch gegriffen erscheint. An McCarthys apokalyptischen Moralismus reicht Gays Romankunst nicht heran. Muss sie auch nicht: „Nächtliche Vorkommnisse“, Gays bislang dritter Roman, bietet eine mörderisch spannende Coming-of-Age-Story, deren drastische, bilderreiche Sprache von Joachim Körber glänzend übersetzt wurde.

Gay, 1943 geboren, begann erst mit 55 Jahren zu veröffentlichen, zuvor lebte er als Schreiner in Tennessee. Dort spielt auch sein Roman, in einer Kleinstadt der fünfziger Jahre. Verantwortlich für das makabre Friedhofsschauspiel ist Fenton Breece, der örtliche Bestatter, ein reich gewordener Sonderling. Fotos, die die Geschwister aus seinem Wagen stehlen, belegen seine geheimen nekrophilen Leidenschaften: „Er schenkte ihnen sein bewährtes Eines-für-alle-Lächeln. Schon gut, dachte er stets. Lacht über mich, solange ihr noch könnt. Ich bin derjenige, der zuletzt lacht, denn irgendwann landet ihr alle auf meinem Edelstahltisch. Das Wasser, mit dem euer Blut, eure Fäkalien und der letzte Schweiß, den ihr je geschwitzt habt, fortgespült werden, geht auf meine Rechnung.“

Der Einfall der Geschwister, den Bestatter zu erpressen, um endlich ein besseres Leben anfangen zu können, ist kein guter: Breece beauftragt das schwarze Schaf der Stadt – einen Soziopathen namens Granville Sutter – das Problem für ihn zu lösen. Schon bald ist Corry, Kenneths Schwester tot – in einer der großartigsten Szenen des Romans sitzt ihr einbalsamierter Leichnam einträchtig mit einem glücklichen Fenton Breece auf der Couch, im Fernseher läuft eine Familienserie. Corrys Bruder kann sich dagegen ins Harrikin retten: eine wilde Einöde voller aufgegebener Minen, Geisterstädte, verlassener Farmen und Autofriedhöfe.

Was sich in den letzten zwei Dritteln des Romans in diesem Niemandsland zuträgt, ist der ewige Kampf zwischen Gut und Böse. Wie ein gelangweilter Kater mit der Maus spielt Sutter mit dem Jungen, der verzweifelt Hilfe sucht, schlägt hinter ihm eine Schneise der Gewalt. Doch es ist nicht die Figur des mehr und mehr dem Wahnsinn verfallenden Killers, die fasziniert, sondern das ironische Spiel mit Märchenmotiven, das Gay in seiner brutal-realistischen Sprache inszeniert: Kenneth will Sutter nicht töten, sondern nur ins Gefängnis bringen; er erinnert an einen typischen Märchenhelden reinen Herzens, der verzweifelt gegen einen bösen Fluch ankämpft. Und der am Ende ausgerechnet auf Sutters Verkleidung als Großmütterchen hereinfällt. Aber auch viele der bizarren Charaktere, die der Junge auf seiner Reise durchs Harrikin trifft, ähneln bekannten Märchenfiguren wie die hinter einem Wald aus Zuckerrohrstangen lebende weise Hexe: „Es gibt viel Böses auf der Welt, und ich geh ihm, so gut ich kann, aus dem Weg. Aber diesmal ist es zu mir gekommen und sitzt an meinem Tisch. An manchen Dingen auf dieser Welt rührt man besser nicht. Sie sind nicht für unsere Augen bestimmt. Manche Grenzen sollte man nicht überschreiten. Und wenn man sie doch überschreitet, muss man eben akzeptieren, was kommt.“

William Gay: Nächtliche Vorkommnisse. Roman. Aus dem Amerikanischen von Joachim Körber. Arche Verlag, Zürich/Hamburg 2009. 300 Seiten, 19,90 €.

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