Winston Churchill : Der Araber als Engländer

Churchills nachdenklicher Bericht von einem frühen Krieg gegen Islamisten: Der spätere Premier Großbritanniens versetzt sich in seine Gegner, die es auch aus seiner Sicht nach Freiheit von Fremdherrschaft drängt.

Wolfgang G. Schwanitz

Er war jung, abenteuerlustig und begabt als er in „The River War“ beschrieb, wie der Sudan zurückerobert wurde. An der Hauptschlacht bei Omdurman, am 2. September 1898, hatte Winston S. Churchill persönlich teilgenommen. Erstmals liegt der Bericht nun auf Deutsch vor als „Kreuzzug gegen das Reich des Mahdi“.

Packend erzählt Churchill Mohammad Ahmads Geschichte. Dieser Sudanese rebelliert gegen die osmanisch-ägyptische Macht, hinter der die Briten unter Gouverneur Charles G. Gordon stehen. Da erklärt sich Mohammad Ahmad zum religiösen Erlöser, zum „Mahdi“. Mit seinem Getreuen Abdallahi führt er 1881 den Dschihad gegen die Osmanen. Vier Jahre später nimmt er Karthum ein. Mohammed Ahmads Truppen haben den Sudan unter dem grünen Banner des Islam befreit: der „Mahdi“ und seine Truppen waren in gewisser Weise eine Frühform jenes militant-politisierten Islam, wie er heute nur allzu gut bekannt ist.

Der Christ Gordon, der auch gegen die dortigen Sklavenhändler vorgeht, stirbt an jenem Schlachttag in Khartum: Dschihadis stürzen sich auf ihn, der nicht seinen Revolver zieht. „Sein Körper fiel die Treppe hinunter und blieb an ihrem Fuß zusammengekrümmt liegen. Dort wurde er enthauptet. Der Kopf wurde zum Mahdi gebracht.“ Der Tod ihres Gouverneurs lässt die Briten gegen die „Flut der Barbarei“ in Aktion treten. Er bildet ein Motiv dafür, dass Horatio H. Kitchener das Land wieder erobert: Der Mahdi verstirbt, Abdullahi ersetzt ihn. Alles in allem hält der islamische Staat 13 Jahre vor.

Der Sudan wird, wie Churchill schreibt, mit der Faust der Moderne unterworfen. Das Empire lässt seine Muskeln spielen und setzt Inder ein. Kanonenboote dampfen den Nil herauf, Eisenbahnen sorgen für Nachschub. Maxim-Maschinengewehre und Artillerie mähen bei Omdurman in nur fünf Stunden fast 10 000 Dschihadis nieder, 32 pro Minute, bei 5000 Gefangenen und 500 Verlusten. Kriegsjournalisten reisen mit der Truppe, vermelden aber auch viel Unsinn. Etwa, dass den Verletzten dort geholfen wird. Churchill korrigiert dieses Bild: Massenhaft und tagelang verrecken sie in der Gluthitze. Das Grab des Mahdis wird entweiht, sein Kopf nach Kairo gesandt.

Ungewöhnlich nachdenklich berichtet Churchill über diesen Krieg. Er tötet drei „Derwische“ mit seiner Mauser, und fragt doch, ob es richtig war, Sudan wieder zu erobern. Churchill versetzt sich in seine Gegner, die es auch aus seiner Sicht nach Freiheit von Fremdherrschaft drängt. Der Mahdi sei ein Patriot, schreibt Churchill, seine Kämpfer nennt er geschickt und mutig.

Aber der Sudan liege mit drei Millionen Menschen darnieder. Krieg, Sklaverei und Tyrannei sorgen dort für ein Chaos aus Zwietracht, Grausamkeit und Elend. Das mache die zivilisatorische Mission der Europäer mit ihrem Eroberungsdrang aus Sicht Churchills erforderlich. Was könne ehrenvoller sein, als Stämme der Barbarei samt Sklaverei zu entreißen, auch wenn dieser Imperialismus kostspielig sei? Und dabei vergleicht Churchill Gouverneur Gordon mit dem Mahdi. Beide wären Neuerer: Jener Araber sei doch eine afrikanische Nachbildung des Engländers und dieser sei ein Araber auf zivilisierter Stufe.

Der Mahdi setzte mit seinem heiligen Krieg ein Fanal, das Churchill erkannt hat. Reiste der spätere Premier Großbritanniens freilich heute in den Sudan, so würde dies abermals seinen Glauben an die Zivilisation erschüttern.

– Winston S. Churchill: Kreuzzug gegen das Reich des Mahdi. Übersetzt und ediert von G. Brunold. Eichborn Verlag, Frankfurt am Main 2008. 448 Seiten, 26,95 Euro.

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