Literatur : „Wir befinden uns in einer vorrevolutionären Situation“

Der Schriftsteller Roberto Alajmo über seine Heimatstadt Palermo und den mangelnden Bürgersinn in Italien

Signor Alajmo, „Palermo sehen und sterben“ ist das erste Buch von Ihnen, das ins Deutsche übersetzt wurde. Bei Palermo denkt jeder sofort an „Mafia“, wollen Sie das nun ändern?

Palermo übte auf Deutsche schon immer eine große Wirkung aus, von Kaiser Friedrich II. über Goethe bis zu Richard Wagner, der dort den „Parsifal“ komponierte. Ganz abgesehen von den vielen Tuberkulösen aus dem Norden, die nach Sizilien kamen, um gesund zu werden – und dort starben, weil sie in schlecht geheizten, muffigen Zimmern leben mussten und an so miserablen Standard nicht gewöhnt waren. Ja doch, ich mache mir Hoffnung auf deutsche Leser.

Auf Italienisch heißt das Buch „Palermo ist eine Zwiebel“. Gefällt Ihnen der deutsche Titel?

Für mich sind Buchtitel etwas Äußerliches; das überlasse ich den Verlagen.

Auch die Zwiebel stammt nicht von Ihnen?

Doch, das war mein Vorschlag. Das Bild hat einen doppelten Sinn: Wenn man von einer Zwiebel Schale um Schale löst, bleibt am Ende nichts. Das ist auch mit den vielen Gemeinplätzen so, die über Palermo kursieren. Auf jeden Fall aber muss man weinen, wenn man eine Zwiebel schält.

Warum weinen Sie um Ihre Stadt?

Ich würde gern in einer normalen Stadt leben, oder genauer: Ich würde meinen Sohn am liebsten in einer normalen Stadt aufwachsen sehen. Das Buch habe ich geschrieben, um die Palermer zu überzeugen, dass ihre Stadt eine Stadt wie jede andere ist. Nachdem im Mai Leoluca Orlando …

… der Ex-Bürgermeister, Symbolfigur des „Frühlings von Palermo“ in den achtziger Jahren …

… die Bürgermeisterwahl verloren hat, womit ich wirklich nicht gerechnet habe, glaube ich, dass sich die Dinge zum Schlechteren entwickeln werden. Natürlich gab es Wahlbetrug, aber das erklärt nicht alles. Nicht Diego Cammarata, der Kandidat des Mitte-rechts-Bündnisses, hat gewonnen, sondern der Berlusconismus.

Und der hindert Palermo daran, eine normale Stadt zu sein?

Der sizilianische Autor Leonardo Sciascia sagte: Sizilianer glauben nicht an Ideen. Das ist immer noch weit verbreitet. Sie glauben stattdessen an ihren persönlichen Vorteil und wählen den Kandidaten, der ihn diesen Vorteil verspricht, sei der Gewinn auch noch so kurzfristig. Lieber jetzt ein ungesicherter Job als ein besseres Leben später in einer gut verwalteten, aufgeräumten Stadt. Bei uns verkauft man seine Stimme für ziemlich wenig. Es gibt kaum Sinn für den Staat.

Haben Sie diesen Sinn?

Ich habe Orlando jedenfalls wegen seiner Ideen und gegen meine Interessen gewählt. Wie gesagt, ich wünschte mir für meinen Sohn ein besseres Palermo. Ich selbst lebe als Schriftsteller sehr gut dort. Wenn die Stadt normal würde, hätte ich keinen Stoff mehr. Als Venezianer könnte ich keine Zeile schreiben.

Der Vorwurf, den Sie Ihrer Stadt machen, mangelnder Bürgersinn, wird oft ganz Italien gemacht. Wie erklären Sie sich ihn?

Nehmen Sie die Figur des Mafioso. In einem frühen Sinn drückt das Bewunderung aus für einen, der sich durchwurschtelt und sich nicht erwischen lässt.

Wo gestohlen wird, gibt es aber auch den Bestohlenen. Warum spielt dessen Sicht der Dinge dabei keine Rolle?

Ehrlich gesagt: Im Grunde verstehe ich das auch nicht; es ist schließlich offensichtlich. Ich habe einmal vor amerikanischen Studenten versucht, das System der italienischen Schwarzbauten zu erklären. Als Erstes sagte mir mein Übersetzer, es gebe dafür kein englisches Wort. Also versuchte ich zu erklären: Man baut, wo es nicht erlaubt ist. Die Gegenfrage der Studenten war: Und warum? Als Nächstes wollten sie wissen, ob man dann auch vor dem Kolosseum in Rom schwarz bauen könnte. Ja, sagte ich, im Grunde ja. Solange einen keiner erwischt.

Halten wir fest: Sie verstehen Ihr Land selbst nicht?

Genau. Die einzige brauchbare Erklärung ist dieses uralte Misstrauen gegen den Staat, gerade im Süden, der von vielen Herren und oft schlecht regiert wurde, von Normannen, Staufern, vom Haus Aragon, Bourbonen, Savoyern etc. und jetzt von der Republik. Man vertraut nur auf sich selbst, auch die eigene Familie. Ich bin allerdings sicher, dass das System Italien, unsere nach außen abgeschottete Klientel- und Familienwirtschaft, in spätestens zehn Jahren implodieren wird und uns ein Kollaps droht wie zuletzt in Argentinien.

Warum sollte Italien kollabieren?

Wir entwickeln uns zurück. Es gibt inzwischen eine Generation von Italienern, die die erste ist, der es schlechter geht als ihren Eltern und die von deren Geld lebt. Viele gut ausgebildete junge Leute haben keine Arbeit oder hängen im Prekariat, unterstützt von ihren Eltern, die als letzte Generation noch anständige Gehälter oder Renten beziehen. Es gibt nur noch wenige Dreißigjährige, die es sich leisten können, eine Familie zu gründen. Wenn die Generation der Eltern stirbt und die Unterstützung wegbricht, wird eine Art vorrevolutionäre Situation entstehen. Wir leiden schon jetzt unter der Ausbreitung des Prekariats: Kellner kippen uns den Kaffee über den Anzug, weil sie nicht ausgebildet sind und noch zwei andere Jobs zum Überleben brauchen. Oder wir lesen Zeitungen, die von Journalisten gemacht werden, die sich genauso durchschlagen. Italien ist ein Dampfkochtopf. Die wirken auch ruhig, bevor es knallt.

Und nach dem Kollaps?

Ich bin optimistisch. Italiener sind unter Druck am besten. Wir müssen vermutlich erst so tief abtauchen, dass wir den Grund berühren, damit sich etwas ändert

Das Gespräch führte Andrea Dernbach

Roberto Alamjo: Palermo sehen und sterben. Roman. Aus dem Italienischen von Karin Krieger, Carl Hanser Verlag, München 2007, 184 Seiten, 16,90 €

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben