Literatur : „Wir brauchen das wahre Amerika zurück“

„Du kannst es besser“: Madeleine Albright schreibt das Drehbuch für die Außenpolitik des neuen Präsidenten

Paul Lersch

Auf der Kirchenbank ist Madeleine Albright die Idee gekommen, während der Trauerfeier zum Tode des amerikanischen Präsidenten Gerald Ford. Ein eindrucksvoller Gedenkgottesdienst, mit alten Kirchenliedern und wehenden Fahnen. Vier US-Präsidenten saßen in der vordersten Reihe der Washingtoner Kathedrale, darunter Bill Clinton, dem Albright lange Jahre als Außenministerin diente, und dessen Frau Hillary. Nun kann die ehemalige First Lady, die vorhat, als Präsidentin wieder ins Weiße Haus einzuziehen, nachlesen, was aus diesem Einfall geworden ist: eine Gebrauchsanweisung für den künftigen obersten Repräsentanten der Supermacht.

In „Nachtnotizen“ hatte Albright ihre Gedanken zur Außenpolitik früher für Bill Clinton niedergeschrieben. Jetzt analysiert sie in einer erweiterten Variante die Weltlage und berichtet von den Erfahrungen aus ihrer Amtszeit. Sie erteilt Ratschläge für die Krisen im Nahen und Mittleren Osten, gibt Anregungen für den Umgang mit dem „hoffnungslos schwerfälligen“ Europa. Sie lobt, politisch unkorrekt, den venezolanischen Populisten Hugo Chavez wegen seiner sozialen Wohltaten (billiges Öl für die Armen). Und sie übt Nachsicht mit Putins gelenkter Demokratie („Zeit lassen“).

Gerade zur rechten Zeit, kurz vor den Präsidentschaftswahlen verrät das Buch einiges über das Denken und die Ziele der demokratischen Kandidaten, egal wer am Ende das Rennen macht, Clinton oder Barack Obama. Es lässt den „Change“, den Wandel deutlich werden, den die Wahlkämpfer undeutlich versprechen, den auch die Deutschen sich so erhoffen. Wie der Titel „Amerika, du kannst es besser“ schon verheißt, ist das Manifest für einen Kurswechsel zugleich eine vernichtende, auch emotional gefärbte Abrechnung mit George W. Bush.

„Das politische Kapital hat er verschleudert“, schreibt die Autorin, und „Fehler von historischem Ausmaß“ begangen. Als Symbol für den Niedergang globaler Führungskunst sieht sie Bush; sein Nachfolger müsse „Amerikas Ruf wiederherstellen“. Albrights Memorandum wirkt wie ein neuer Blick auf die Weltpolitik: Feindbilder will sie abbauen. Das gilt für Al-Qaida-Chef Bin Laden, der von der Dämonisierung nur profitiere. Und für den iranischen Präsidenten Ahmadinedschad, der keineswegs mit Hitler zu vergleichen sei. Noch nie, sagt sie, habe Amerika den „Krieg gegen ein Substantiv“ gewonnen, nicht gegen die Armut und nicht gegen den Terror.

Ungewohnt offen plädiert sie für eine Teilung des Irak, um zu verhindern, dass die Beteiligten „sich gegenseitig abschlachten“. Ein militärisches Eingreifen im Iran schließt sie nicht aus. Und im Kampf mit den Extremisten in Afghanistan riskiert sie einen gefährlichen Konflikt mit Pakistan. Das Irak-Debakel vor Augen, fragt die Freundin Joschka Fischers, die selber den umstrittenen Krieg gegen Milosevic vorantrieb, nach der Legitimation militärischer Gewalt.

Dem zentralen Thema amerikanischer Außenpolitik, dem Wechsel zwischen Idealismus und Realismus, gilt dabei ihr besonderes Augenmerk. Auf den idealistischen Präsidenten Woodrow Wilson beruft sich George W. Bush. In höherem „Auftrag, der von jenseits der Sterne am Himmel herrührt“, glaubte er sich ausersehen, „das Übel aus der Welt zu vertreiben“ – und ließ seine Truppen in den Irak einmarschieren. Eine arge Irreführung, so die einstige UN-Botschafterin: Nach dem 11. September, der das amerikanische Selbstwertgefühl tief verletzte, war der Krieg gegen den Irak als Demonstration der Macht gedacht. Später erst versuchte Bush das Abenteuer als „demokratische Transformation“ der Saddam-Diktatur zu veredeln.

Der „zögerliche Krieger“ ist Albrights Leitbild, das sie so beschreibt: „Wir kämpfen, weil man uns zwingt, nicht weil es uns treibt.“ Ihre oberste Priorität: andere zu überreden, das zu wollen, was wir wollen. Sie warnt vor einer verbreiteten Hybris, Verbündete hätten sich an amerikanische Vorgaben zu halten. Unilateralismus sei teuer, hält sie dagegen, und funktioniere nicht. Pazifistischer Neigungen ist Albright jedoch unverdächtig. „Man macht aus einem Tiger kein Kätzchen, wenn man es streichelt“, zitiert sie Präsident Theodore Roosevelt. Konfrontation sei auch für sie „bisweilen unvermeidlich“. Ihr Vorwurf an Bush: Die Schwelle für ein militärisches Eingreifen habe er zu sehr gesenkt. „Wir können nicht warten“, sei dessen Doktrin, „bis unsere Feinde zuerst zuschlagen“. Genau in diesem Sinne rechtfertigte Bush den Präventivschlag gegen Saddam. „Ein neues Kapitel“ der Kriegführung sei das gewesen, empört sich Albright, mit bösen Folgen für das Ansehen der USA. Lieber hält sie an den herkömmlichen Regeln für militärisches Eingreifen fest: Verteidigung vitaler Interessen (Pearl Harbor, Terrorangriffe), Schutz wichtiger Interessen, auch von Verbündeten (Bosnien, Kosovo), und humanitäre Friedensmissionen (Somalia, Tsunami-Katastrophe).

Die größte Bedrohung amerikanischer Interessen geht nach Albright nicht von al Qaida, sondern vom Iran aus. Gleichwohl plädiert sie momentan für militärische Zurückhaltung, wegen der hohen Risiken: Ölpreisrekord, zivile Opfer, Gegenschlag. Die Ablehnung der iranischen Bombe sei auch für sie eine „zentrale Position“. Ein nuklear aufgerüsteter Iran, so ihre Befürchtung, könnte die Technologie an Terrorgruppen weitergeben, andere Länder erpressen, oder, der schlimmste Fall, versuchen, Israel zu zerstören. Die Situation kippe, schreibt sie, wenn Teheran nachweislich Uran angereichert habe. Ein Punkt allerdings, der noch nicht erreicht sei.

Mit Skepsis urteilt Albright über den Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern. Anders als zu Bush-Zeiten sollten die USA sich „als ehrlicher Makler“ um Versöhnung bemühen. Viel Neues hat die Ex-Außenministerin nicht zu bieten, das Modell Clinton kommt hier zum Vorschein. Und genau dieser Vermittlungsversuch ist bekanntlich in Camp David gescheitert. Auch die übrigen Vorschläge und Mahnungen sind allesamt schon oft diskutiert worden.

Und doch: Die nüchterne Analyse wirkt geradezu befreiend nach den ideologischen Verirrungen der Bush-Ära. In ihren Gebrauchsanweisungen grenzt sie sich ab von Henry Kissinger, der, notfalls mit Gewalt, strategische Interessen einer Supermacht vertritt. Sie setzt sich ein für humanitäre Ziele, wenn nötig auch mit Gewalt. Eine Mischung also aus Realismus und Idealismus.

Einiges kann auch die deutsche Kanzlerin aus Madeleines Memorandum lernen. Als still und „kleinlaut“ habe sie Angela Merkel bei der ersten Begegnung erlebt. Nunmehr kann die damalige Oppositionsführerin nachlesen, wie naiv sie Bush vertraute, als der schon längst den Einmarsch im Irak plante. Im derzeitigen Konflikt um deutsche Kampftruppen in Afghanistan kann sie sich zumindest verstanden fühlen: Albright hat durchaus Verständnis für die Deutschen, die sich „noch aus dem Pazifismus freiarbeiten“. Während Verbündete das nation building der Bundeswehr im Norden Afghanistans als Drückebergerei verspotten, schätzt sie die „neue Rolle“ des Militärs als Friedenswächter und Staatenbauer. Im gespannten Verhältnis zwischen Russland und „Uncle Sam im Vorgarten“ hat Albright der Kanzlerin sogar eine Mittlerrolle zugedacht.



Madeleine Albright mit Bill Woodward: Amerika, du kannst es besser. Was ein guter Präsident tun und

was er lassen sollte.

Droemer Verlag, München 2008. 368 Seiten,

19,95 Euro.

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