Wissenschaft : Die Natur als Lehrmeister

So innovativ die Wissenschaft von heute ist - der größte Erfinder ist und bleibt die Natur. In seinem Buch "Wenn Frösche vom Himmel fallen" beschreibt Dr. Rolf Froböse skurrile und beeindruckende Phänomene, die es um uns herum zu entdecken gibt.

Sven Malzahn
froboese
Foto: Promo

Wie wäre es, wenn sich Textilien selbst reinigen würden? Oder wenn die Autowäsche sich praktisch von allein erledigen würde? Das ist keine Zukunftsmusik, an solchen Verfahren wird bereits seit geraumer Zeit gearbeitet. Die Technik, die dahintersteckt, beruht auf dem so genannten "Lotus-Effekt". Wissenschaftler haben sich das Prinzip von den Blütenblättern der Lotuspflanze abgeschaut, von denen Wasser abperlt wie von einer heißen Herdplatte. Schmutzpartikel werden dabei einfach mitgerissen.

Die Natur stand hier Pate für eine technologische Entwicklung, und das ist bei weitem nicht der einzige Fall. Dr. Rolf Froböse, promovierter Chemiker und Fachautor, hat eine ganze Reihe solcher Effekte und Phänomene in seinem Buch "Wenn Frösche vom Himmel fallen" zusammengetragen.

Einfallsreiche Evolution

Der Untertitel des Buches lautet "Die verrücktesten Naturphänomene". Laut Klappentext und Vorwort liegt ein Hauptaugenmerk darauf, ungewöhnliche Vorgänge aus unserer Umwelt zu erklären und aufzuzeigen, wie das Innovationspotenzial der Natur für moderne, hilfreiche Produkte genutzt werden kann.

Froböse kann mit Verblüffendem aufwarten, denn die Natur hat eine Menge zu bieten: Organismen, die es sich im Inneren eines Atomreaktors gemütlich machen, schusssichere Westen aus Spinnenseide oder auch Tintenfische, die als "Anti-Terror-Elite" eingesetzt werden können.

Angesichts solcher Themen ist es etwas überraschend, dass das Buch auch ausführliche Kapitel über Hurrikane und Tsunamis enthält. Die Erläuterungen sind zwar fundiert und auch sehr aufschlussreich, aber diese Phänomene sind weder "verrückt" oder besonders ungewöhnlich, noch sind sie bisher in irgendeiner Form technologisch nutzbar.

Sprachlicher Balanceakt

Dem Autor auf seiner zweifellos hochinteressanten Reise zu folgen, ist nicht immer ganz leicht: Was sind aromatische Ringe und labile Luftmassen? Wo und was ist die Mesosphäre? Was bedeutet Kavitation? Was ist eine hygroskopische Salzmischung und was ein endständiges Wasserstoffatom? Froböse verwendet all diese Begriffe, erklärt sie aber nicht näher. Es mag schwierig sein, Erläuterungen für jeden Fachausdruck im Text unterzubringen ohne den Lesefluss zu stören. Für den naturwissenschaftlichen Laien wäre aber zumindest ein kurzes Glossar im Anhang hilfreich gewesen.

"Die geochemische Bildungsreaktion wird Serpentinisation genannt, wobei unter basischen Bedingungen Olivin aus dem Eruptivgestein Basalt hydrolytisch in Serpentin übergeht." Textpassagen wie dieser begegnet man im Buch immer wieder. Das ausgewählte Beispiel ist nicht einmal übermäßig komplex. Wer solchen Sätzen problemlos folgen kann, der wird Froböses Buch mit Genuss lesen. Alle anderen werden wohl doch hin und wieder ein Lexikon zu Rate ziehen müssen, um nachvollziehen zu können, worin der Autor das eigentlich Spektakuläre im jeweils beschriebenen Phänomen sieht.

Dabei versteht es Froböse durchaus, dem Leser komplizierte Sachverhalte näher zu bringen und unterhaltsam zu erklären. Die Beiträge über Kugelblitze, blaues Blut, die beeindruckenden Leistungen von Hundenasen oder auch über das faszinierende Bakterium Geobacter sulfurreducens, das eine drahtartige Verbindung ausscheidet, die als Stromleiter eingesetzt werden kann, sind nur einige Beispiele.

Launigen und spannenden Erzählungen folgen rasch wieder sehr anspruchsvolle, fachspezifische Ausführungen. Man kann dies als abwechslungsreich deuten. Es drängt sich aber auch die Vermutung auf, dass nicht eindeutig definiert wurde, welche Zielgruppe mit dem Buch eigentlich angesprochen werden soll.

Unklarheiten

Der Gesamteindruck, dass der Autor sehr gründlich recherchiert hat, zieht sich durch das gesamte Buch. Dennoch gibt es Passagen, die zur Verdeutlichung gedacht sind, doch eher das Gegenteil bewirken.

Im Kapitel "Leben unter Druck" beschreibt Froböse Mikroben, deren Druck "bei etwa 500 hPa losgeht und erst bei über 1000 hPa endet". Und weiter: "Nicht auszudenken, was diese Belastung mit einem armen Menschen anrichten würde!" Aber was meint er damit? Die Druckspanne? Den Höchstwert? Ein Blick auf eine Wetterkarte genügt, um festzustellen, dass wir uns alle täglich einem Luftdruck um die 1000 hPa ausgesetzt sehen.

Im Abschnitt über das Wetterphänomen El Nino ist eine Grafik mit Anomalien der Meeresoberflächentemperatur zu sehen. Eine Abbildung, die in Farbe sicherlich interessant und aussagekräftig ist. Sie ist jedoch in Schwarz-Weiß abgedruckt, so dass sich positive und negative Werte als Graustufen nur mit allergrößter Mühe unterscheiden lassen.

Spannendes Sachbuch - aber nicht populärwissenschaftlich

Das immense Fachwissen, das aus dem Buch geradezu herausquillt, ist beeindruckend, und die Quellen, die Dr. Rolf Froböse zur Beschreibung ungewöhnlicher Naturphänomene heranzieht, sind allesamt seriös. Für Leser, die über ein entsprechendes Vorwissen oder ein großes naturwissenschaftliches Interesse verfügen, ist "Wenn Frösche vom Himmel fallen" eine wahre Fundgrube. Allen, die sich für Chemie, Biologie und Geowissenschaften begeistern, kann das Werk uneingeschränkt empfohlen werden.

Laien, die ein rein populärwissenschaftliches Buch erwarten, werden viel Unterhaltsames finden, aber auch einige Kapitel, bei denen sehr tief in die Materie eingestiegen und viel vorausgesetzt wird. Für diese Leserschaft hätte man mehr tun können. Und es würde sich lohnen, denn das Thema "Einfallsreichtum von Mutter Natur" ist es wert, einem breiteren Publikum zugänglich gemacht zu werden.


Froböse, Rolf
Wenn Frösche vom Himmel fallen. Die verrücktesten Naturphänomene.
WILEY-VCH Verlag GmbH & Co. KGaA, Weinheim, 2007

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