Wowereits Biografie : Magnet der Macht

Klaus Wowereit versteht es, sich zu inszenieren. Er gibt viel von seinem Privatleben preis und vermittelt so eine gewisse Nähe. Dabei sieht der Bürger aber immer nur, was er sehen soll. Ähnlich war es auch bei Willy Brandt.

Rüdiger Schaper
Wowereit Foto: ddp
Willy Brandts Haus. Wowereit nach seinem Wahlsieg 2001, vor dem großen Idol. -Foto: ddp

Es gab auch schon jüngere Superstars, die ihre Autobiografie veröffentlichten. Daniel Küblböck zum Beispiel – wenn wir uns erinnern – war achtzehn, als „Ich lebe meine Töne“ erschien. Donald Rumsfeld hingegen, der notorische Kriegstreiber, ist mit seinen Pentagon-Memoiren bei mehreren US-Buchverlagen abgeblitzt, wie die „New York Post“ meldet. Und das ist auch gut so, möchte man spontan hinzufügen.

Politische Autobiografien markieren das Ende einer Laufbahn – oder eine scharfe Zäsur eines Lebens in der Öffentlichkeit. Es ist auch die Gelegenheit, große Kasse zu machen, wie bei den Clintons. Bill („My Life“) zog nach seiner Präsidentschaft klassisch Bilanz, während Hillarys Buch („Living History“) als Bewerbung für höchste Aufgaben in der nächsten Zukunft gelesen werden musste.

So erlebt man es jetzt, im etwas bescheideneren Berliner Rahmen, mit dem Regierenden Bürgermeister. Es sind Wowereit-Wochen. Es läuft die große Klaus-Show. Die Beckmesser und Steinbeißer der sozialdemokratischen Schrumpfpartei schweigen: Möge dieser Berliner Sektkelch an uns vorübergehen!

Er nimmt die Dinge so, dass sie ihm nützen

„Kann ein Schwuler Kanzler werden“, fragt der „Stern“ im Interview, das zum Erscheinungstag der Wowigrafie auf dem Markt ist, und der 53-Jährige antwortet, wobei man sein Grinsen deutlich heraushört: „Das wäre möglich.“ Die Frage nach einem schwulen Bundeskanzler wirkt aber in einem Land, das eine kinderlose christdemokratische Regierungschefin aus dem Osten nicht nur erträgt, sondern inzwischen richtig gut findet, etwas künstlich. Das trifft auf die ganze Wowereit-Revue zu, in der Begeisterung wie in der Ablehnung. Wowereit wurde schon immer mehr Glamour angehängt, als er ausstrahlt. Er besitzt das seltene politische Talent, die Dinge so hinzunehmen, dass sie ihm nützen. Er zieht auf sich, was ihn größer macht und von anderen unterscheidet, die Kultur steht da an erster Stelle. Eine Art Magnetismus, der auch bei Angela Merkel feststellbar ist. Das Schädliche wird abgestoßen: Sie holte die CDU aus dem Spendenskandal heraus, Wowereit erhob sich über dem Berliner Banken-Gau.

Dazugehören und doch anders sein. Übrigens eine bewährte Berliner Eigenart – im Mythos leben, bis das Leben selbst zum Mythos geworden ist. Man kann das auch als Phänomen der Popkultur betrachten: Image und Substanz verschmelzen untrennbar. Auf Jugendfotos hat Wowereit etwas vom britischen Skandalrocker Pete Doherty, in den Erzählungen von der Kindheit in Lichtenrade klingt noch das arme, aber clevere und irgendwie von Stolz erfüllte Nachkriegs-Berlin eines Harald Juhnke durch. Wenn Wowereit ein Geheimnis hat, dann liegt es darin, dass er immer neue Projektionsflächen anbietet. Das mag man auch an Berlin, oder eben nicht.

Entwaffnende Sätze

„Ich will nicht nett sein, um irgendetwas zu erreichen, sondern ich bin einfach nett. Das kann kein Image-Experte fundamental ändern.“ Alle zwanzig, dreißig Seiten schlägt einem aus dem Buch so ein schlicht entwaffnender Satz entgegen. Liest man genauer, dann macht sich Klaus Wowereit in „Mein Leben für die Politik“ (so der fast schon staatsmännische Untertitel) solide – und wählbar für vielleicht noch breitere Schichten.

Regierender Partymeister, Prominentensammler, Jetsetter, der Bodyguards und mitreisende Journalisten mit seinem Terminkalender erschöpft – so hat er sein Terrain erobert. Inzwischen aber, und da gewinnt die Wowereit’sche Präsenz in diesen Wochen eine neue Dimension, reklamiert er im Grunde nichts anderes als die alte Berliner sozialdemokratische Tradition für sich. Und damit den Erfolg.

Nicht, dass Wowereit offen als möglicher Erbe Willy Brandts auftritt. So einfach nicht. Aber Wowereit schreibt oder lässt schreiben: „Der einfachste Politiker-Test besteht bis heute aus zwei Fragen. Von wem fühlt man sich im Ausland würdig repräsentiert? Von wem würde man einen Gebrauchtwagen kaufen? Klarer Sieger bis heute: Willy Brandt.“ Das große Thema, das sich für Wowereit mit dem Namen Willy Brandt verbindet, ist Vertrauen in Politik – oder Verdrossenheit. Brandt hat ihm, so erfährt man, die Augen für die Politik geöffnet. Helmut Schmidt gab ihm offenbar nichts, Gerhard Schröder findet hauptsächlich Erwähnung, weil er im entscheidenden Moment bestimmte, der Klaus soll es machen.

Auf den Spuren von Willy Brandt

Willy Brandt also. Auch er einst Regierender Bürgermeister, dann Außenminister und Bundeskanzler. Die auch nicht ganz leichte Frage, ob ein Berliner Kanzler werden kann, ist lange schon beantwortet. Ohne der sozialdemokratischen Ikone Willy Brandt zu nahezutreten und ohne dem momentanen Hoffnungsträger einer im Sinkflug befindlichen Partei allzu große Ehre anzutun: Es gibt Parallelen. Sie liegen, wenn auch nicht direkt vergleichbar, im Privaten. Im Umgang mit dem, was nicht öffentlich ist, aber immer an die Öffentlichkeit kommt.

Brandts Trinkgewohnheiten, seine Frauengeschichten, seine Verwundbarkeit, sein Menschliches – es hat ihm nicht geschadet. Es war Teil seiner Aura und seines politischen Erfolgs. Willy, so riefen ihn wildfremde Menschen, und man nannte ihn auch zärtlich Brandy. Wowi, Angie – wer sonst noch wird so plump, aber auch so vertraulich angequatscht?

Ein Spitzenpolitiker heute muss sich outen, egal womit. Der Zwang zur Inszenierung des Privaten und Intimen in der Öffentlichkeit scheint unabweisbar. Der Hauptdarsteller der Wowereit-Show hat es geschafft, zugleich der Regisseur zu sein. So lange er diese singuläre Balance hält, werden auch neue Rollen kommen.

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