Zeit SCHRIFTEN : Darauf einen Schierlingsbecher

Gregor Dotzauer beschäftigt sich mit der Zukunft des Todes

Gregor Dotzauer

Die Geschichte der europäischen Philosophie, hat Alfred North Whitehead einmal behauptet, bestehe aus nichts weiter als einer Abfolge von Fußnoten zu Platon. Das hat einiges für sich. Ob man über das Glück und das gute Leben nachsinnt oder über die Gerechtigkeit – ohne Platon denkt man auf Anhieb dümmer. Ob man über Leib und Seele spricht oder den Wirklichkeitsgrad der uns umgebenden Welt – er hat das Grundvokabular zur Verfügung gestellt. Und wer glaubt, die Auseinandersetzung mit der eigenen Endlichkeit habe frühestens in der Renaissance, mit Michel de Montaignes berühmter Formel „Philosophieren heißt sterben lernen“, der Überschrift zum 19. Kapitel des Ersten Buches seiner „Essais“, einen angemessenen Ausdruck bekommen, sollte sich von Platons Dialog „Phaidon“ umgehend eines Besseren belehren lassen. Er verhandelt darin die Hinrichtung seines Lehrers Sokrates durch den Schierlingsbecher.

Seltsam alt sieht Platon nach über 2000 Jahren in diesem Zusammenhang erst in letzter Zeit aus – er kann nur nichts dafür. Wie hätte er das Sterben im Gerätepark der Intensivstationen vorhersehen können? Warum hätte er sich über Organtransplantation und Komapatienten den Kopf zerbrechen sollen? Woher hätte er, obwohl er wundersame 80 Jahre erreichte, von Hospizbewegung und Euthanasiedebatte wissen sollen, die erst durch das Geschenk und die Zumutungen der heutigen Lebenserwartung entstanden sind?

Der „Status des menschlichen Leichnams", wie er in einem Schwerpunkt der „Deutschen Zeitschrift für Philosophie“ (1/2008, Akademie Verlag Berlin) untersucht wird, konnte ihn nicht interessieren. Auch „Die neue Sichtbarkeit des Todes“, die der Berliner Kulturwissenschaftler Thomas Macho 2005 bei einer interdisziplinären Tagung der Humboldt-Universität konstatierte und von der die gleichnamige Aufsatzsammlung (Wilhelm Fink Verlag, München 2007, 607 S., 49,90 €) berichtet, lag jenseits seines Horizonts. Es mag sein, dass der Erfolg von Fernsehserien wie „Six feet under“, Museen zur Bestattungskultur oder Gunther von Hagens Ausstellungen mit plastinierten Leichen nur das Pendant einer anhaltenden Verdrängungswut sind – der Mechanismus als solcher ist in seiner massenmedialen Wirksamkeit neu.

„Das alles beherrschende Thema der Philosophie des Todes war bis zum 20. Jahrhundert die Frage nach der Unsterblichkeit der Seele", stellt Héctor Wittwer in Deutschlands führender Philsophiezeitschrift fest. „Auch die Frage, wie man sich vernünftigerweise zum bevorstehenden Tod verhalten solle, wurde so gut wie immer auf den eigenen Tod bezogen.“ Die Technisierung des Todes, die Bernard N. Schumacher seine Entbiologisierung, Enteignung und Entpersonalisierung nennt, hat demgegenüber längst eine industrielle Dimension.

Sie erfordert es, abseits der von Wittwer zu Recht als „Scheinproblem“ abgewiesenen Frage „Wie ist es, ein Leichnam zu sein?“ in säkular ausgenüchterten Zeiten das echte Problem zu klären: „Sind Leichen tote Menschen?“ Denn woher soll, wie Andrea Esser ausführt, der „Respekt vor dem toten Körper“ kommen, wenn dieser, unbelebt, wie er per definitionem ist, das bewusstseinslose „Ende der Existenz der Person“ einschließt? Wie lange über den Tod hinaus genießt eine Leiche noch menschlichen Status? Und besteht, wenn man ihn an die personalen Fähigkeiten knüpft, über den Zeitpunkt seines Eintretens überhaupt Konsens? Die neue Definition der Harvard Medical School empfiehlt, als Tod die Zerstörung des Neocortex, also des größten Teils der Großhirnrinde, zu verstehen. Jemand könnte demnach durchaus ohne künstliche Hilfe atmen und dennoch für tot gelten.

Das Verdienst des Zeitschriftenschwerpunkts liegt darin, in den Aufsätzen der drei genannten Autoren alle wesentlichen Argumente der thanatologischen Diskussion auf rund 60 Seiten zu umreißen. Dazu gehört nicht zuletzt die Kontroverse, ob ein schlechtes Leben in jedem Fall besser ist als ein früher Tod. Da muss man dann doch wieder Platon konsultieren. Denn was ein gelingendes, seine Möglichkeiten verwirklichendes Leben ist, dazu hat er vieles beizutragen.

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