Zeit SCHRIFTEN : Der alte Mann und die Shifttaste

Gregor Dotzauer

Wenn die Blogosphäre sich auf einmal nicht mehr mit sich selbst und ihrer Frontstellung gegen die klassischen Medien beschäftigen würde, hätte sie nur noch einen Bruchteil ihrer Themen. Selbstreferenzialität ist zwar kein Privileg der neuen sozialen Netzwerke, aber sie gehört zu ihrem Wesen – den Traum, sie zu durchbrechen, eingeschlossen. Die Flüchtigkeit technischer Standards wetteifert mit dem Bedürfnis nach verlässlichen Strukturen, die Herstellung von Online-Traffic mit der Notwendigkeit, ihn mit inhaltlicher Substanz auszustatten. Viel Stoff für Diskussionen, die einander im selben Maß anheizen, wie sie verhindern, dass man aus ihrer Schleife um Schleife drehenden Unendlichkeit herausfindet.

Der Vorwurf des grimmig-elitären Torwächtertums, den die Blogosphäre gern den klassischen Medien macht, hat sie freilich nicht davor bewahrt, über reine Zugriffszahlen hinaus ihre eigenen Hierarchien auszubilden. Auch in ihren rhetorisch so offensiv basisdemokratisch gesonnenen Soziotopen haben sich Hackordnungen eingestellt. Aufmerksamkeit entsteht in diesen mehrheitlich im eigenen Saft schmorenden Systemen nicht zuletzt durch die bewährten Mittel von Lautstärke und Provokation.

Da funktioniert auch radikal zur Schau getragener Selbsthass, um eine gewisse Prominenz zu befestigen. Oder was treibt einen älter werdenden Blogger wie Don Alphonso (alias Rainer Meyer) dazu, älter werdenden Bloggern vorzuwerfen, dass sie alt gewordene Blogger seien? „Die Shifttaste hilft nicht bei alten Männern“, gibt er den Teilnehmern der Berliner Bloggerkonferenz „re:publica“ bei blogbar.de mit auf den Heimweg. Was er erlebt hat, war „ein Totentanz der Onlinebettler auf der Suche nach Grundeinkommen und kostenlosem WLAN“, einen Haufen von Berufsjugendlichen, die es versäumt haben, der Welt klarzumachen, „dass sie Themen setzen können und nicht nur Haufen ins Internet“.

Es gibt dafür, je spezialistischer Interessen sind und je professioneller deren Anwälte, von Blogs über zeitgenössische Musik bis hin zu Blogs über Gartenpflege, viele gute Beispiele – und Nutzwerte, die es bisher nicht gab. Das Übermaß an loser generated content wird sich davon nicht einhegen lassen. Nicht nur, dass der Blogger am Ende einer Entwicklung agiert, in deren Verlauf eine mediale Mangelgesellschaft, in der die abweichende Meinung schnell sanktioniert wurde, in eine des Überflusses gemündet ist, deren Berühr- und Erregbarkeit jedes Mal aufs Neue getestet werden muss. Auch wenn Don Alphonso mittlerweile als Starblogger in den Diensten von faz.net steht, definiert es das Social-Media-Universum, dass der Beziehungsaspekt den Inhaltsaspekt übertrumpft: Den Lesern Kommentare herauszukitzeln, ist alles.

Das hat auch Folgen für die Struktur des Webs selber. Marcel Weiss weist auf netzwertig.com darauf hin, dass Facebook als Social Network manchen Websites bereits mehr Zugriffe liefere als die Suchmaschine Google – auch wenn diese nach wie vor drei Mal so stark gefragt sei. „Google wird von Social Media, das endgültig im Web-Mainstream angekommen ist, ,bedrängt’. Aber niemals gekillt, denn Google ist das Suchen – pull –, Social Media in der Regel das Erhalten – push – von Informationen im Web. Letzteres wird in nicht allzu ferner Zeit die mit Abstand beherrschende Form an Aufmerksamkeitsströmen darstellen.“

Zugleich schreibt Andreas Göldi gleichfalls auf netzwertig.com unter dem Titel „Haben Twitter und Facebook ihren Höhepunkt überschritten?“ fast einen Nachruf auf die beiden derzeit populärsten sozialen Netzwerke. Bei Twitter entdeckt er eine wachsende Unverhältnismäßigkeit zwischen „unnützem Rauschen und nützlicher Information“. Bei Facebook argwöhnt er, dass bald „der hippste Teil des Publikums sich vom Mainstream-Pöbel gestört“ fühlen und weiterziehen werde. Unabhängig davon, ob er mit seiner konkreten Diagnose Recht behält – die Kommentare geben ihm gehörig Kontra –, zeigt sich doch, wie empfindlich und verderblich diese Kommunikationsstrukturen sind. Ihre Haltbarkeit reicht höchstens bis übermorgen. Nur das Netz selbst will Ewigkeit.

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