Zeit SCHRIFTEN : Mistkäfer und Metropolen

Gregor Dotzauer widmet sich einer literarischen Topografie Amerikas

Gregor Dotzauer

Wo ist es hin, das „andere Amerika“? Als ihm Michael Harrington mit seiner gleichnamigen Sozialstudie 1962 zu sprichwörtlicher Bekanntheit verhalf, bezeichnete es zunächst das Amerika der Armen. Erst dann avancierte es zum Synonym für sozialistischen Widerstand und charakterisiert heute ganz allgemein eine liberale Gesinnung. Ob man sich unter den „True Colors of America“, die die „Neue Rundschau“ (S. Fischer Verlag, Einzelheft 10 €) beschwört, eine Neuauflage dieses anderen Amerika vorstellen soll? Die Farbmetapher lässt sich zwar leicht gegen George W. Bushs schwarz-weiße Weltsicht wenden. Ihre politische Substanz konkurriert aber mit einer Entstofflichung der Wahrnehmung, die das Editorial in den Worten des Romanciers Richard Powers zitiert: „Es sieht aus wie Amerika, es schmeckt wie Amerika, aber es fühlt sich nicht an wie Amerika.“ Und wenn man dem bebilderten Gespräch zwischen dem Fotografen Joel Meyerowitz und Lawrence Weschler folgt, könnte man glatt meinen, dass nicht nur die Orte, sondern auch die Zeiten verschwimmen. Der Himmel über der Skyline von New York, wie ihn Meyerowitz vor dem 11. September aufnahm. Und der Himmel über Delft, wie Vermeer ihn 1658 malte. Ein schnauzbärtiger Schweißer am Ground Zero. Und Velàzquez’ „Mars“ von 1650. „The True Colors of America“ versucht, in knapp drei Dutzend Texten eine aktuelle literarische Topografie der USA zu entwerfen – mit Städten und Bundesstaaten zugeordneten Texten von Richard Powers, Matt Groening, Lydia Millet, Jonathan Lethem, Robert Hass und John Haskell.

Die Orte sind überwiegend an Ost- und Westküste zu finden; an einen vergessenen Kontinent dazwischen erinnert das „Schreibheft“ (Nr. 69, Rigodon Verlag, Einzelheft 12 €). Er liegt im Südosten von Washington, D. C., trägt den Namen St. Elizabeth’s Hospital und ist, obwohl er nur noch wenige Patienten beherbergt, Amerikas traditionsreichste Psychiatrie. Als der Dichter Ezra Pound dort 1945 wegen seiner Mussolini zujubelnden Radioansprachen als krimineller Geisteskranker eingewiesen und des Hochverrats angeklagt wurde, hatte er gerade die „Pisaner Cantos“ geschrieben. Begonnen in einem Eisenkäfig, in dem ihn die Alliierten zwei Wochen lang in der Sommerhitze von Pisa gefangen hielten, bevor sie ihn ins gewöhnliche Internierungslager überstellten, gelten sie als ein Höhepunkt seines Schaffens: ein vielsprachig wuchernder Text, visionär und politisch verblendet, voller Hass auf die Zivilisation und von einem mythologischen Rausch getrieben. Ein Buch am Rande der Verständlichkeit, das 1949 dennoch den Bollingen-Preis erhielt – und W. H. Auden sein Jury-Votum mit dem Satz verteidigen ließ: „Eine Kunst, die das Böse nicht präzis widerspiegeln würde, wäre keine gute Kunst“.

Pounds 13 Jahren im St. Elizabeth’s Hospital hat das „Schreibheft“ nun, zusammengestellt von Gerd Schäfer und Norbert Wehr, ein über 150-seitiges Dossier gewidmet. Es entwirft ein genaueres Bild seiner zugänglich-unzugänglichen Person als seiner Dichtung. Doch durch all die Treuezeugnisse seiner Freunde, die ihm mit Briefen und Besuchen die Stange hielten, wird seine Welt lebendiger, als es die Auseinandersetzung mit den Dichtungen allein leisten könnte. Charles Olsons Aufzeichnungen von seinen Begegnungen mit Pound dokumentieren, wie ideologisches Wortgeklingel, psychotische Anwandlungen und Kreativität bei ihm zusammenflossen. Fundstücke für deutsche Leser sind auch die Briefe, die William Carlos Williams („Du lieber alter Mistkäfer, du unsäglicher gottverfluchter ESEL“), Wyndham Lewis und der als Medientheoretiker zu Weltruhm gelangte Literaturwissenschaftler Marshall McLuhan an Pound richteten.

Bis zu seinem Tod 1972 in Venedig blieb er ein beunruhigender Koloss, an dem sich die Intellektuellen rieben – und an dessen Schweigen sie sich aufrieben. Ein Interview mit Pier Paolo Pasolini und ein Bericht über das Zusammentreffen mit Allen Ginsberg, beide aus dem Jahre 1968, zeigen, wie sehr Pound allen Versuchen trotzte, ihm zusammenhängende Gedanken zu entlocken. Auf Betreiben von Ernest Hemingway war er 1958 zwar St. Elizabeth’s entkommen. Die Gespenster jener Jahre aber wurde er nicht mehr los.

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