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Gregor Dotzauer sorgt sich um das Überleben der englischen Sprache

Gregor Dotzauer

Die Lage ist nicht ernst, aber sie ist hoffnungslos. „Der hinreißende Klang des Amerikanischen“, dem Frank Böckelmann und Hanns Zischler in „Tumult 32“, ihren jüngsten „Schriften zur Verkehrswissenschaft“ (www.alpheus-verlag.de, 176 Seiten, 15 €) nachhören, könnte im weltweiten Stimmengewirr schon bald seine Magie verlieren. Verweht wie das Lateinische, marginalisiert wie das britische Englisch, in den Abgrund gerissen wie der Cockney-Soziolekt. Und alles übertönt vom viertönigen Singsang des Mandarin.

„Als Muttersprache hat Englisch den demografischen Scheitelpunkt bereits erreicht“, stellt der englische Linguist Nicholas Ostler in einem Ausschnitt aus seiner wegweisenden Studie „Empires of the Word“ fest (HarperCollins, New York 2005). „Die Anzahl seiner native speakers nimmt zwar weiter zu, aber in deutlich geringerem Maß als die mancher anderer großer Sprachen. Nach einer seriösen Schätzung werden Englisch, Hindi-Urdu, Spanisch und Arabisch im Jahr 2050 ungefähr gleichauf liegen, während Chinesisch jede dieser Sprachen um das Zweieinhalbfache übertrifft.“

Muss man jetzt also auch das Englische zu den bedrohten Sprachen zählen? Es gehört sicher nicht zu den 90 Prozent der momentan rund 6000 gesprochenen Sprachen, deren Untergang der amerikanische Sprachenforscher K. David Harrison für den Lauf dieses Jahrhunderts vorhersagt. Doch Ostler, der zum Vorstand der Foundation for Endangered Languages (www.ogmios.org) gehört, zweifelt mit guten Gründen am „Ewigkeitswert“ des Englischen als lingua franca: „Eine mit ,Business’ assoziierte Sprache wird sofort preisgegeben, wenn sich der Wirtschaftsstandort und mit ihm die Quelle des Wohlstands verlagert.“ Dafür gibt es Beispiele: „Man betrachte das Schicksal des Sogdischen, das vom 8. bis zum 15. Jahrhundert die Handels- und Missionarssprache auf der Seidenstraße von China bis Samarkand war, oder die Karriere des Phönizischen, der Handelssprache für den gesamten Mittelmeerraum im ersten Jahrtausend vor Christus.“

Zugleich sind das, bezogen auf die Wirkungsmacht des britischen und amerikanischen Englisch, natürlich Milchmädchenrechnungen. Keine Sprache ist neutral. Jede transportiert bestimmte Mentalitäten und Traditionen, die auf vielfältige Weise in der realen Welt befestigt werden. Keine Sprache auch ist als statisch zu betrachten – die englische, die sich nicht nur mit dem konsonantenreich daherknatternden Indian English eine Parallelsprache erschaffen hat, am wenigsten. Und falls in Europa demnächst verstärkt das Chinesische einziehen sollte, bliebe es auch nicht ungeschliffen – oder würde eine eigene Pidgin-Variante ausbilden.

Nicholas Ostler ist klug genug, viele Überlebensfaktoren zu berücksichtigen, und was sein Text nicht leistet, ergänzen andere „Tumult“-Beiträge, die zusammen fast eine kleine Enzyklopädie des Englischen in aller Welt ergeben – und das in einer reich illustrierten, großzügig umbrochenen Klappenbroschur, die man sich gerne ins Bücherregal stellt. Von den Umbrüchen bleibt das Deutsche natürlich nicht unberührt, wie Uwe Pörksen in seinem Essay „Wird unser Land zweisprachig?“ erklärt. Der Übersetzer Bernhard Schmid, Autor des Wörterbuchs „American Slang“, begibt sich in einem ebenso launigen wie informativen Interview in die unerschöpflichen, ständig Neues ausbrütenden Gefilde des amerikanischen Sprachalltags und wirbt dabei auch für seine Website slangtimes.com, deren Zustand aber, milde ausgedrückt, noch entwicklungsfähig ist. Mit allem, was das Netz sonst noch an Slang-Wörterbüchern zu bieten hat – peevish.co.uk/slang/ für Großbritannien oder slangcity.com und slangsite.com für die USA – kommt man derzeit weiter.

Das Glanzstück der Ausgabe aber ist Matthias Eitelmanns sprachwissenschaftliche Analyse von George W. Bushs Wortfindungsstörungen, seinen verstolperten Sätzen und Fremdwortverballhornungen – den sogenannten Bushisms. Ihre unfreiwillige Komik bewegt sich auf einer Ebene mit den schönsten Versprechern von Edmund – äh – Stoiber. Bei Bush gerät selbst die Einsicht in die eigene Begrenztheit zum Unfall: „I admit it, I am not one of the great linguists.“ Hatte ihm das irgendjemand vorgeworfen?

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