Zeit SCHRIFTEN : Raumpatrouille Googlewatch

Gregor Dotzauer sieht Vordenkern der Netzkultur über die Schulter

Gregor Dotzauer

Das Beste an der Zukunft, soll Abraham Lincoln einmal gesagt haben, bestehe darin, dass sie jeden Tag aufs Neue eintrifft. Die Konsequenz, mit der das Internet an allen gewohnten Medienhierarchien rüttelt, spricht eher dafür, dass der Untergang der Gutenberg-Galaxis seit langem feststeht und es nur noch darum geht, die Zeichen ihres unausweichlichen Schicksals richtig zu deuten. Doch solange selbst die Vordenker der Netzkultur einander widersprechen, bis in welche Ecken der Cyberspace sich ausdehnt, muss auch nichts so kommen, wie es kommen soll: Was der eine mit guten Gründen verkündet, relativiert der nächste gleich wieder.

Wenn Jonathan Zittrain von der Harvard Law School in seinem Buch „The Future of the Internet (And How to Stop It)“ und dem gleichnamigen Blog erklärt, die generativity, der zutiefst demokratische Erfindergeist des Internets, werde früher oder später an seinen eigenen Sicherheitsbedürfnissen zerbrechen, dann kommt Tim Wu von der Columbia Law School und mahnt: Halt, mein Freund, lass uns die Gefahr von Viren und Spionageprogrammen nicht unterschätzen, aber die treibende Kraft im Netz sind immer noch die Profitinteressen der Medienindustrie. Die Rivalität von dezentraler Innovationslust und zentraler Steuerung, schreibt er in seinem Essay „The New New Media“ für „The New Republic“ (www.tnr.com), liege allen erfolgreichen Unternehmen von E-Bay bis Youtube zugrunde.

Wenn wiederum Lawrence Lessig von der Stanford Law School in seinem neuen Buch „Remix: Making Art and Commerce Thrive in the Hybrid Economy“ und auf seiner Website lessig.org dafür wirbt, das Urheberrecht zu lockern, weil man damit nicht nur eine ganze Generation junger Menschen kriminalisiere, sondern auch der Wirtschaft einen schlechten Dienst erweise, muss man ihm als Korrektiv den Historiker Robert Darnton, den Direktor der Harvard-Bibliothek, zur Seite stellen.

Darnton, vielleicht einer der Klügsten, weil er mit sich selber uneins über die Aussichten der neuen Ära ist, aktualisiert in der „New York Review of Books“ vom 12. Februar (www.nyrev.com) seine skeptischen Überlegungen zur Vereinbarkeit von Googles quasimonopolistischer privatwirtschaftlicher Macht und dem öffentlichen Recht auf freien Informationszugang: Mit der juristischen Einigung zwischen Google, Autoren und Verlegern geht das Digitalisierungsprojekt des sich freundlich gebärdenden Netzriesen in eine neue Runde. Und was geschieht, fragt Darnton, wenn der Riese Konkurs anmeldet oder Content an weniger freundliche Konkurrenten verkauft?

Sowohl Zittrain wie Wu und Lessig blicken weit über ihre juristischen Fakultäten hinaus. Wu versucht in seinem Essay überdies, aus der Geschichte von Radio, Kino und Telefon die Zukunft des Internets herauszulesen. Dennoch lässt sich nicht bestreiten, dass die Folgen der Netzrevolution im Moment weitgehend vor Gericht verhandelt werden. Zugleich technikaufgeschlossene wie in der klassischen Buchkultur beheimatete Intellektuelle vom Schlage Darntons, die der Debatte die erforderliche wissenssoziologische Wendung geben könnten, sind rar. Wo ist die Informationsgesellschaft, die wüsste, wie ihr gerade geschieht? Auch deshalb ist es so spannend, einem Spezialisten für die französische Aufklärung zuzusehen, wie er zwischen der Hoffnung auf eine neue république des lettres und realen Sorgen um sein Bibliothekarsgewerbe eine vernünftige Schneise zu schlagen versucht.

Manchmal ist aber auch die Eindeutigkeit zweideutig. Andrew Sullivan, der unter dem Titel „The Daily Dish“ für den „Atlantic Monthly“ bloggt, erklärt in seinem Essay „Warum ich blogge“ im Februarheft des „Merkur“ jetzt auch auf Deutsch mustergültig, was die Gattung ausmacht. Wo er aber die Befreiung des Autors durch die Spontaneität des Schreibens feiert, liegt auch die Zumutung an den Leser, selbst wenn der sich kommentierend einschalten darf. Lohnt es wirklich, die vielen kleinen Inkonsistenzen, die jedermanns Denken prägen, in Echtzeit nachzuvollziehen? Sullivans kleine Poetologie ist in ihrer geschliffenen Dichte der beste Gegenentwurf zum rasenden Gefasel der meisten Blogs. Das Leben ist zu kurz, um es im white noise der Blogosphäre zu verschwenden.

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