Zeit SCHRIFTEN : Schafott und Florett

Gregor Dotzauer über den Kampf von Peter Hacks gegen H. M. Enzensberger.

Gregor Dotzauer

Wenn er bescheiden sein wollte, gestand er sogar die Beschränktheit seiner kleinen Republik ein. „Ich behaupte ja nicht, dass Deutschland China ist und Ulbricht Lenin“, schrieb Peter Hacks 1959, vier Jahre, nachdem er aus München nach Ostberlin übersiedelt war, an den „sehr geehrten Herrn Enzensberger“, der die deutsch-deutsche Malaise damals von Westnorwegen aus betrachtete. „Aber wir haben eine ganz feine, solide sozialistische Revolution hier, und Ulbricht ist der fähigste deutsche Staatsmann, von dem ich halt gehört habe. Ich, wenn Sie mich fragen, ich möchte ums Verrecken keinen anderen.“ Wenn er aber unbescheiden war, was ihm, getragen von den stählernen Flügeln des historischen und dialektischen Materialismus, so leicht fiel, dass ihn auch der Bau der Mauer noch begeisterte, dann zog er gegen jeden vom Leder, der sich gegen das Walten des Weltgeists versündigte – auch gegen Hans Magnus Enzensberger und dessen Lyrikdebüt „verteidigung der wölfe“.

„Ich habe mir Ihre Gedichte gekauft“, erklärte Hacks 1958 in einem Offenen Brief im Organ des FDJ-Zentralrats, der „Jungen Kunst“. „Sie sind weitgehend kontrollierbar, von menschenfreundlicher Absicht und auch von der Absicht der Tapferkeit. Ich kann mich da irren, aber ich halte sie für die besten Gedichte, die in Westdeutschland gemacht worden sind. Es ist aber leider, was Sie schreiben, dummes Zeug (ich werfe Ihnen Unkenntnis vor). Und es verhält sich ja nicht so, dass Artistik Unkenntnis entschuldigt; sie macht dieselbe vollends unentschuldbar.“ Es fehlte Hacks an einer revolutionären Eindeutigkeit, die Enzensberger mit seiner Verteidigung der Wölfe gegen die Lämmer gerade in Frage stellte. „Nicht die Gewalt als solche muss abgeschafft werden“, so Hacks, „vielmehr die Gewalt der monopolistischen Kapitalisten.“

Als dieser Brief zusammen mit vier ebenso hochfahrenden Attacken vor drei Jahren in der von Rainer Kirsch aus Hacks’ Nachlass herausgegebenen Briefauswahl „Verehrter Kollege“ wieder erschien und durch einige Besprechungen geisterte, wusste niemand so recht, wie es um die Antworten stand. Bis auf eine gleichfalls als Offener Brief abgefasste Entgegnung in dem Essayband „Einzelheiten“ (1962) war Enzensbergers Reaktion nur durch Hacks überliefert.

Jetzt kann man das gesamte Duell nachlesen – und ist noch fassungsloser über die kalte Selbstgewissheit mit der Hacks agierte. Denn hier verhaken sich weniger historische Diskurse, unterschiedliche politische Sprachen, durch die hindurch man Grundsatzdebatten austragen könnte, als vielmehr persönliche Mentalitäten, die aufeinander treffen und sich im Fall von Hacks zu weltgeschichtlichen Auskünften aufschwingen. „sie werfen mir unkenntnis vor, sie bieten mir ihre kenntnisse an“, antwortet Enzensberger. „halten wir fest, dass ich meine unwissenheit nicht leugne. ich habe fragen, sie haben antworten. aber sind ihre antworten gut? sie sind, in meinen augen, erbärmlich. sie sind schlechter als meine fragen.“ Es ist der Kampf eines Skeptikers gegen einen Jakobiner: Wo Hacks vom Schafott herab austeilt, da ficht der junge Enzensberger mit dem Florett – und einem Ernst, der ihm später, als er zusehends um Originalität bemühte Pirouetten drehte, oft fehlte.

Der Germanist Roland Berbig und seine Studenten von der Berliner Humboldt-Universität haben Enzensbergers Part im Deutschen Literaturarchiv Marbach ausfindig gemacht und dokumentieren ihn zusammen mit einer Vielzahl anderer Briefzeugnisse, die sich auf „Das literarische Jahr 1959“ beziehen, in den „Berliner Heften zur Geschichte des literarischen Lebens“(Nummer 8, 332 S., 10 €, zu beziehen über die Redaktion, Institut für deutsche Literatur, Unter den Linden 6, 10099 Berlin, Tel. 030/20939654). Als Teil einer bundesrepublikanischen Ideengeschichte wird die Auseinandersetzung Ende März auch im Rahmen einer Enzensberger-Tagung in Marbach verhandelt.Was aber Peter Hacks betrifft, so mutet seine von rechts wie links unter anderem in der „FAZ“ betriebene Renaissance als deutscher Klassiker in diesem Licht absurd an. Es gibt viele Gründe, die DDR nicht zu dämonisieren. Dass sie dennoch Dämonen hervorbrachte, lehren diese Briefe: Hacks war einer von ihnen.

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