Zeit SCHRIFTEN : Schrei um dein Leben, Furby!

Gregor Dotzauer über genverändertes elektronisches Spielzeug

Gregor Dotzauer

Man nehme: ein sprechendes elektronisches Kuscheltier wie Furby. Ein Teppichmesser. Ein Uhrmacherwerkzeugset. Einen Lötkolben. Eine Handvoll Litze. Und sich selbst die Freiheit, auf gut Glück Schaltkreise kurzzuschließen und neu zu verdrahten, bis das umoperierte Wesen nur noch Rückkopplungen und alienhafte Laute von sich gibt. Zu Hunderten fallen die Anhänger des sogenannten circuit bending über die batteriebetriebenen Gadgets der Elektronikindustrie her und bringen sie genverändert auf die Bühne. Sie wühlen in den Eingeweiden von alten Casio-Keyboards, und sie verwandeln tirilierende Kinderspielzeuge in fauchende Monster. Das hat etwas Sadistisches, in vielen Fällen aber auch etwas Mitleiderregendes. Man muss nur einmal das Orchester von zwölf panisch quiekenden Plastik-Pikachus, jenen aus dem Pokémonspiel hervorgegangenen Fabeltieren, gesehen haben (Stichwort „pikachu orchestra“ unter www.youtube.com), um sich von den Schreien der geschundenen Technokreatur erschüttern zu lassen. Eine realistischere Vorahnung jenes Heers von deformierten Robotern und invaliden Replikanten, wie es Steven Spielberg in seinem Film „A.I.“ als Gegenüber der künftigen Menschheit halluziniert hat, ist kaum denkbar.

Wenn man circuit bending rein musikalisch betrachtet, fällt es in die Abteilung Noise und elektronischer Minimalismus. Als handwerkliche Praxis steht es auch für den Traum von der Rückkehr eines magisch-wilden Denkens in eine wissenschaftlich überregulierte Welt. Der Bastler – der Bricoleur, wie ihn der Anthropologe Claude Lévi-Strauss in seinem Buch „La pensée sauvage“ genannt hat – tritt an gegen den Ingenieur. Der Künstler rächt sich am vorgegebenen Konzept.

Nicht von ungefähr heißt die Website von Reed Ghazala, dem selbst ernannten Begriffsdetonator und Theoriealchimisten, der das circuit bending vor bald 40 Jahren erfand, lange bevor es zur Massenbewegung wurde, „Anti-Theory“ (www.anti-theory.com).

Mit seiner „Folk Music of Chance Electronics“, die ein ganzes Arsenal obskurer Instrumente hervorgebracht hat, ist es allerdings so eine Sache. Einerseits beerbt sie aleatorische Prozesse, wie sie in der Neuen Musik vor allem John Cage berühmt gemacht hat. Andererseits fällt sie hinter diese zurück. Denn es ist die Frage, ob sich in einem deformierten Furby tatsächlich der Zufall austobt und gegen ein vermeintlich deterministisches Universum protestiert. Ist es nicht vielmehr so, dass diesem „Zufall“ zwar etwas subjektiv Unerwartetes zugrunde liegt, das aber seinerseits einer strengen Regelhaftigkeit unterliegt? Wohingegen die Prozesse des großen Ganzen weniger festzustehen scheinen, als es der gängige Schmalspurrationalismus diktiert.

Auch ob es sich bei Ghazalas Antitheorie nicht selbst wieder um eine Theorie handelt, ist keineswegs ausgemacht. Er greift damit einen Begriff auf, der sich besonders in den Geistes- und Sozialwissenschaften verbreitet hat, wo man gern glauben würde, dass die wahren Betonköpfe in den Naturwissenschaften sitzen. Dabei gehen viele Physiker oder Biologen vielleicht freier mit ihrem theoretischen Rüstzeug um als so mancher Literaturwissenschaftler, der eisern die Methode X auf den Text Y anwendet und darin zu seinem größten Erstaunen tatsächlich das findet, was er zuvor herangetragen hat. Die Energie, die der Wissenschaftstheoretiker Paul Feyerabend in den Siebzigern mit Büchern wie „Erkenntnis für freie Menschen“ und „Wider den Methodenzwang“ darauf verwandte, gegen den kritischen Rationalismus anzurennen, mit dem Karl Popper eine einheitliche „Logik der Forschung“ zu installieren versuchte, hat sich jedenfalls zu kulturellen Phänomenen hin verlagert.

Der Wortführer auf diesem Gebiet, der britische Literaturtheoretiker Terry Eagleton, war immerhin raffiniert genug, nicht gegen Theorie an sich zu polemisieren, sondern ein Zeitalter „After Theory“ auszurufen. Als alter Marxist hofft er darauf, das Spielerisch-Beliebige postmoderner Theorien loszuwerden und sich existenziellen Problemen zuwenden zu können, ohne sich dem anti-thinking hinzugeben, mit dem George W. Bush und Konsorten das umstandslos Böse in der Welt entdeckten. Eine Gratwanderung.

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