Zeit SCHRIFTEN : Textrüben und Bilderkraut

Gregor Dotzauer über einen unerschöpflichen Gründerwahn

Gregor Dotzauer

Was hatten die Herausgeber der ersten deutschen Zeitschriften vor gut dreihundert Jahren nicht alles zu bieten: „Monatliche Unterredungen einiger guten Freunde von allerhand Büchern und andern annehmlichen Geschichten“, „Auserlesene Anmerckungen über allerhand wichtige Materien und Schriften“ und „Größte Denckwürdigkeiten der Welt oder sogenannte Relationes curiosae“. Und wie viel von den Versprechen dieser Titel hat das Internet übernommen. Die Bildung einer mehr oder weniger verschworenen Gemeinschaft, die populäre Aufbereitung entlegener Wissensgebiete und die Mitteilung obskurster Nachrichten – kaum etwas, das sich je nach Sinn und Zweck nicht schneller, effektiver und preiswerter digital inszenieren ließe. Der Schluss, dass sich die gedruckte Zeitschrift deshalb auf verlorenem Posten befinde, verkennt aber nicht nur, dass ihr Bedeutungsverlust schon lange vor dem Netz begonnen hat. Er verkennt vor allem, dass es ein unerschöpfliches Reservoir von Wahnsinnigen gibt, die von der Gründung einer gedruckten Zeitschrift und deren gestalterischen Möglichkeiten träumen.

Bei der „Zeitschrift für Medienwissenschaft“ (www.zfmedienwissenschaft.de, Akademie Verlag Berlin, Einzelheft 29,80 €), die ihre erste Nummer dem Thema „Motive“ gewidmet hat, liegt das Interesse auf der Hand. So luftig das Ganze umbrochen ist, reich illustriert und mit Fußnoten in den Randspalten, dient es dazu, der herausgebenden Gesellschaft für Medienwissenschaft einen repräsentativen Auftritt zu verschaffen – auch bei Internetthemen. Dirk Scheuring etwa untersucht das soziale Netzwerk Hunch, das seine Benutzer mit Hilfe von Entscheidungsbäumen in lebenspraktischen Fragen berät. Und der Kulturinformatiker Martin Warnke beschreibt, wie sich Suchmaschinen gegen die Volltextindexierung von Bildern sträuben und ein unerschlossenes dark web produzieren.

Das Geld für die „zfm“ stammt zum Teil von der DFG. „Der Lumentransmitter“ dagegen (www.lumentransmitter.de, helikk-verlag@web.de, 12,80 €), eine neue, von Berliner und Münchner Künstlern aufwändig hergestellte „Zeitschrift für experimentelle Lumentransmission und verwandte Gebiete“, finanziert seine literarisch-bildnerischen Erleuchtungen rein privat und in einer auf 300 Exemplare limitierten und nummerierten Auflage. Die einer vage dadaistischen Tradition verpflichteten Texte tragen keine Signaturen, so wenig wie die Bilder. Alles soll wirken wie aus einem Guss – wobei die angestrengten Prosa- und Lyriksplitter gegen die Fotografien und Zeichnungen abfallen. Reizvoll die beigeheftete CD des Münchner Komponisten Oliver Amadeus Kayser, die 18 elektronische „Klangskulpturen“ zu einer plastischen Arbeit von Reiner Amann versammelt. Sanft geloopte, sich manchmal zu Minimalpatterns fügende Sounds mit metallischem Einschlag, zwischen stark obertönigem Glockengeläut und balinesischer Gamelanmusik, alles trancehaft verlangsamt, wie unter Wasser (myspace.com/amadeuskayser).

Hier geht es weder um eine möglichst breite Öffentlichkeit noch um eine publizistische Mission. Hier wirkt die Lust, an einem unsichtbaren Netz von Lesern zu spinnen, die einander völlig unbekannt sind und bleiben – auch wenn „Der Lumentransmitter“ dadurch, dass er im Internet Spuren hinterlassen hat, die Grenzen der 300-köpfigen Geheimgesellschaft möglicher Käufer jetzt schon überschritten hat.

Auch die fünfte Ausgabe des von Anton Schwarzbach in Berlin halbjährlich zusammengetragenen und in einer Auflage von 450 Exemplaren erscheinenden „Prolog“ (heftfuerzeichnungundtext@yahoo.de, 6 €) hat einen Websatelliten (www.Prolog-Zeichnung-und-Text.de) und enthält und im Impressum eine lange Liste zu den Blogs und Sites der beteiligten Künstler. Das Unverbundene von Text und Bild ist bei „Prolog“ Programm, eine gewisse Kraut-und-Rüben-Ästhetik mit Ausreißern ins Unterirdische unvermeidlich und „Freibeutergeist“ eine heilige Pflicht. „Arbeit“ heißt das Leitthema der aktuellen Ausgabe und präsentiert Erwin Schumpeter mit den Zeilen: „aweit mächt höhensgünste holde / ob einzigenster günstlingsmündeley / od quäligmüh endsleicht im einfachlicht?“ Das sagt doch eigentlich alles.

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