Zeit SCHRIFTEN : Wer hat Angst vor Konfuzius?

"Unsere Welt hat es nicht verdient zu überdauern". Gregor Dotzauer folgt Richard Rorty durch das Reich der Mitte.

Gregor Dotzauer
Richard Rorty
US-Philosoph Richard Rorty.Foto: dpa

Als er vor einer guten Woche mit 75 Jahren starb, war das letzte Kapitel seines Denkens noch nicht wirklich aufgeschlagen. Richard Rortys Auseinandersetzung mit China, die auf den ersten Blick erstaunliche Wendung eines Mannes, der im Herzen Amerikaner, im Kopf zu beträchtlichen Teilen Europäer, auf jeden Fall aber ein bekennender Ethnozentrist war, beginnt erst, ihre Interpreten zu finden. Vielleicht ist schon das ein schöner Beweis für die Wirksamkeit seiner Ideen. Denn die Rede von einem letzten Kapitel ist im Zusammenhang mit Rorty ohnehin ein Witz.

Kein Philosoph des 20. Jahrhunderts sprach sich klüger gegen abschließende Worte, unumstößliche Wahrheiten und metaphysisch unterfütterte Prinzipien aus. Zugleich gelang es keinem, sich dabei so vehement für Bürger- und Menschenrechte einzusetzen, wie er es zuletzt in George W. Bushs Post-9/11-Amerika tat. Rorty hielt es dabei gerne mit Joseph Schumpeters Credo: „Die Einsicht, dass die Geltung der eigenen Überzeugungen nur relativ ist, und dennoch unerschrocken für sie einzustehen, unterscheidet den zivilisierten Menschen vom Barbaren.“ In diesem Sinn war er ein Urliberaler – und als Philosoph ein Pragmatist, der in John Dewey seinen Ahnherrn wählte.

Am bestechendsten entwickelt hat er seine Sicht in „Kontingenz, Ironie und Solidarität“ (1989). Das Erkennen der Kontingenz, der Nichtnotwendigkeit des eigenen Daseins und seiner zufälligen kulturellen Prägung, legt für ihn eine umfassenden Ironie nahe: die Kunst, zu seinen Überzeugungen in Distanz zu treten. In der Solidarität wiederum verhilft er dem unstillbaren Verlangen, die Grausamkeiten dieser Welt zu mindern, zu seinem Recht. Alles unter der Voraussetzung, dass die private Existenz schadlos für unendliche Neudefinitionen freigegeben werden kann, wenn man dabei an der Öffentlichkeit als einem Ort gemeinschaftlich auszuhandelnder Verbindlichkeiten festhält.

Die entscheidende Herausforderung eines solchen Denkens besteht nicht in seiner Kampfansage an die Schulphilosophie – obwohl Rorty unter ihrer Gegenwehr zur Zeit seiner Princeton-Professur schmerzvoll gelitten hat. Sie beginnt, wo Individualismus und Ironie in breitem Maßstab auf die Probe gestellt werden: beim Umgang mit anderen Kulturen. Womit begegnet man autoritären Systemen, wenn nicht mit universalen Prinzipien?

„Das amerikanische Jahrhundert ist zu Ende gegangen, und das chinesische Jahrhundert hat begonnen“, schreibt Rorty in einer Kritik von Ian McEwans Roman „Saturday“, die man jetzt in einem Online-Dossier von „Dissent“ wieder lesen kann, Michael Walzers linksliberales Magazin hat es zum Tod des Freundes zusammengestellt.

Die Diagnose kam nicht von ungefähr. Denn 2004 hatte sich Rorty auf den Spuren seines Meisters John Dewey, der Chinas Universitäten in den Jahren 1919 bis 1921 für westliches Gedankengut begeisterte, auf eine Vorlesungstour durch das Reich der Mitte gemacht. Was die Chinesen einst für Dewey einnahm, stellt Bong-Ki Kim in einem informativen Aufsatz über „Das Problem der interkulturellen Kommunikation“ dar. Worüber sie vor drei Jahren stritten, dokumentiert demnächst Yong Huangs Band „Morality, Human Nature, and Metaphysics“ (ACPA Series), in dem Rorty seinen konfuzianischen Kritikern antwortet. Außerdem ist gerade Wei Zhangs Studie „Heidegger, Rorty, And the Eastern Thinkers“ (State University of New York Press) erschienen.

Die Augen für fremde Kulturen hatte Rorty übrigens die aus Kalkutta stammende Philosophin Anindita Balslev geöffnet. Sie verwickelte ihn schon 1991 in eine Korrespondenz über „Cultural Otherness“ (Oxford University Press). Von der Entspanntheit dieses Dialogs ist nach 9/11 wenig geblieben. „Wir entwickeln“, schreibt Rorty über McEwans Roman, „Anzeichen von Selbstbestrafung für die Schuld, die daher kommt, so wenig tun zu können und zu der Vorstellung unfähig zu sein, mehr zu tun: sei es für die Straßenkehrer in London oder die Kinder in den ausbeuterischen Fabriken von Guatemala. Wir spüren, dass unsere Welt es nicht verdient hat zu überdauern, weil sie so hoffnungslos ungerecht ist.“

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