Zeit SCHRIFTEN : Wir sind dann mal weg

Gregor Dotzauer reist in das menschenlose Jahr 2048

Gregor Dotzauer

Einmal etwas Originelles sagen. Einmal gründlich nachdenken und zu dem Schluss kommen: Die Zukunft ist auch nicht mehr das, was sie mal war. Aber auf die Erfindung dieses Satzes erheben mindestens drei berühmte Köpfe Anspruch: der Münchner Komiker Karl Valentin, der Pariser Dichter Paul Valéry und Yogi Berra, der legendäre Catcher der New York Yankees. Es gibt eben nichts Neues unter der Sonne. Eine Einsicht, die man übrigens auch nicht haben kann, ohne sie schon beim Prediger Salomo zu finden. Was nun die Zukunft betrifft, so schwindet ihr Glanz nicht nur mit dem Verfließen der eigenen Lebenszeit, dem Verglühen der Erde oder dem Kältetod des Universums. Auch der Vorrat an einschlägigen Entwürfen und Visionen scheint begrenzt zu sein. Die Tendenz zur Wiederholung erfasst die Wissenschaft wie die Science-Fiction, negative wie positive Utopien. Wobei nicht ausgemacht ist, ob das an einem Mangel an Einbildungskraft liegt oder einem Mangel an möglichen Szenarien.

Im Fall des Zeitschriftenprojekts „Die Planung / A Terv“ (www.vice-versa-vertrieb.de) geht es womöglich noch um etwas anderes. Denn die drei auf die Jahre 2011, 2036 und 2048 datierten Magazine (einzeln 12 €, im Paket 30 €), die jetzt mit einem Umfang von jeweils rund 200 Seiten auf einen Schlag erschienen sind, um in den fraglichen Jahren angeblich erneut veröffentlicht zu werden, legen es in ihrer künstlerischen Herangehensweise gar nicht so sehr darauf an, am künftigen Stand der Dinge gemessen zu werden. Schon der Titel ist ironisch genug, Mark Twains Wort über Vorhersagen zu bestätigen: „Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen.“

Wer durch die mit reichen Kunst- und Fotostrecken ausgestatteten Hefte blättert, stößt eher auf die Propheten von gestern. Den philosophierenden Architekten Buckminster Fuller. Die feministische Psychoanalytikerin Luce Irigaray. Die Body-Art-Künstlerin Carolee Schneemann. Den Libido-Befreiungstheoretiker Félix Guattari. Oder die Genderphilosophin Donna Haraway, die Anfang der Neunziger mit ihrem hier wieder abgedruckten „Cyborg Manifesto“ zu Ruhm gelangte, inzwischen aber lieber australische Hirtenhunde krault und über genetische Züchtungsfragen nachdenkt als über künstliche Menschen. Kurz: Die intellektuelle Ausbeute ergibt vor allem eine Archäologie der Futurologie.

Wenn jemand die Zeitschrift im Jahr 2048 tatsächlich noch einmal ausgraben sollte, wird er jedenfalls weniger verstehen, wie man sich im Jahr 2007 die Zukunft vorgestellt hat, als die leise Enttäuschung spüren, dass die damalige Gegenwart nicht so futuristisch durchwirkt war, wie man es sich ausgemalt hatte. Eine ausgesprochen ästhetizistische Perspektive, die alle vitalen Zukunftsprobleme unter sich zu begraben droht. Die Beteiligung des Berlin/Dortmunder „Sekretariats für Zukunftsfragen“ (www.sfz.de) und des Budapester Nextlab (www.nextlab.hu) spürt man kaum.

„Die Planung / A Terv“ ist ein deutsch-ungarisches Projekt: gefördert von der Kulturstiftung des Bundes im Rahmen von „Bipolar“. Die deutschen Redakteure Sandra Bartoli, Martin Conrads und Silvan Linden haben dabei eindeutig die Oberhand behalten – auch wenn weder Deutsch noch Ungarisch, sondern Englisch die wichtigste Publikationssprache ist. In jeweils drei Abteilungen mit den Überschriften „Sex“, „Life“ und „Death“ sammeln die Hefte Beiträge, deren thematischer Bezug aber oft nicht zwingender ist als die Jahreszahlen, denen sie zugeordnet sind.

Ein bisschen Biotechnologie, ein bisschen Islam, ein bisschen Auslöschung des Menschengeschlechts: Es fehlt kein Aspekt. Doch das Übermaß des Spielerischen macht das Unternehmen beliebig. Zugleich bleibt es eine Fundgrube für Kuriosa. Etwa Ed Densons aus dem Jahr 1968 stammende Manager-Anleitung „Making It With Rock“, die in drei Schritten erklärt, wie man erfolgreich eine Band vermarktet. Tröstlich, dass sich seit den Hippietagen, in denen er „Country Joe and the Fish“ managte, ein Minimum an tradierbarem Erfahrungswissen gehalten zu haben scheint. Es spricht einiges dafür, dass man es auch im Jahr 2048 nicht völlig unverständlich finden wird.

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