Literatur : Zeitfreie Zone

Gwendoline Rileys Roman „Cold Water“

Katja Reimann

Carmel McKisco ist 20 Jahre alt, und ihr Leben läuft nicht gerade glatt. Mit 14 findet sie ihren Vater, einen gewalttätigen Säufer, tot im Fernsehsessel. Ein paar Jahre später bricht sie ihr Studium ab, jobbt als Barkeeperin in einem heruntergekommenen Pub in Manchester, betrinkt sich gern und viel und quatscht nächtelang mit Stammgästen und Kollegen. Ihre Lieblingsthemen: verflossene Liebschaften und der Sinn des Lebens. Tagsüber streunt sie mit Freunden durch die Straßen der Stadt, auf der Suche nach Unterhaltung. „Wir hatten nichts zu tun. Doch wir hatten jede Menge zu tun“, sagt Carmel in Gwendoline Rileys Roman „Cold Water“. Ein Jugendbuch. Und auch nicht. Weil es nicht nur eine Geschichte übers Erwachsenwerden ist, sondern auch eine übers Erwachsensein.

Oft beschreibt Riley mit wenigen Details ein ganzes vertanes Leben. Wie das des Säufers Kevin, der stets zwei Armbanduhren ohne Zeiger trägt. Sein Leben sei eine „zeitfreie Zone“, erklärt er. Dieses Gefühl der Zeitlosigkeit hängt wie ein Nebel über dem Schauplatz von „Cold Water“. Es herrscht eine seltsam melancholische Stimmung in diesem Manchester voller Eisenbahnbrücken, Baustellen und schummriger Kneipen mit karierten Teppichböden und dunklen Möbeln. Es ist ein Vakuum, in dem Rileys Charaktere aufeinandertreffen und alsbald wieder auseinanderdriften.

Rileys Roman ist eine Aneinanderreihung von Erzählungen, von Momentaufnahmen und genauen Beobachtungen. Ihre Figuren sind verlorene Gestalten, gefangen in einem nächtlichen Limbo – müde Kneipenzombies. Ein Ex-Leistungssportler, ein Ex-Snookerweltmeister, Ex-Freunde, Ex-Musiker, Möchtegern-Poeten. Und mittendrin: Carmel, die resigniert feststellt: „Manchmal meine ich, diese Kneipe ist voller Wahnsinniger. Kleinkinder. Ich finde es ein wenig unheimlich.“

Recht hat sie. Rileys Figuren hängen vergeblich großen Träumen nach. Carmel wünscht sich raus aus dem regennassen englischen Norden und nach Cornwall. Doch so sehr sich Carmel auch als Vagabundin inszeniert und gelesene Bücher und gehörte Platten sofort im Second-Hand-Geschäft verkauft, sie klebt an Manchester – und an ihrem Ex-Freund Tony. Selbst wenn sie in den Zug Richtung Süden steigt, fährt sie doch nie weiter als bis nach Macclesfield, einer kleinen Nachbarstadt. Und in klaren Momenten zwischen Alcopops und Ecstasy-Pillen bemerkt Carmel: „Ich fühle mich wie eine vollgesogene Wasserleiche. Ich fühle, wie mir das Leben durch die Hände rinnt wie eine Seidenschnur.“ Rileys Prosa ist schnörkellos und und gerade deshalb an manchen Stellen sehr poetisch, etwa wenn sich nasse Zehen anfühlen wie „durchnässte Watte, zur Abpolsterung um die Knochen gedreht“.

Gwendoline Riley: Cold Water. Roman. Aus d. Englischen von Sigrid Ruschmeier. Schöffling & Co, Frankfurt a. M. 2008. 153 Seiten, 17, 90 €.

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