Zeitschriften : Recht und Liebe

Gregor Dotzauer über Lawrence Lessigs Idee einer freien Kultur.

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Einen historischen Moment lang konnte sich Lawrence Lessig einbilden, er habe erfasst, wie das Internet die überkommenen Begriffe von Eigentum und Piraterie verschwimmen lässt – und die Leser seines Buchs „Freie Kultur – Wesen und Zukunft der Kreativität“ (https://www.opensourcepress.de/freie_kultur) konnten es mit ihm. Lessig, heute Professor an der Harvard Law School, hatte 2001 das inzwischen weit verbreitete Creative-Commons-Konzept mit auf den Weg gebracht, das es Autoren und Künstlern aller Art ermöglicht, ihre Werke unter bestimmten Auflagen der Öffentlichkeit zur nichtkommerziellen Nutzung zur Verfügung zu stellen. Schon 2004 aber, als das Buch erschien, bekamen seine Überlegungen zur Liberalisierung des Copyrights eine unerhörte Dimension. Im Dezember kündigte Google seine Scan-Offensive an, die mittlerweile 18 Millionen Titel umfasst und diese, je nach urheberrechtlicher Lage, lesbar oder zumindest nachweisbar macht.

Das juristische Nachspiel ist keineswegs ausgestanden. Das Google Book Settlement, das am vergangenen Donnerstag vor dem United States District Court unter dem Vorsitz von Richter Denny Chin im New Yorker Southern District zum letzten Mal nachgebessert werden sollte, ist noch lange nicht vom Tisch. Und in Deutschland, wo der Börsenverein des Deutschen Buchhandels den urheberrechtlichen Status quo als unveräußerlichen Naturzustand zu betrachten scheint, bahnt sich in Gestalt der angekündigten multimedialen Deutschen Digitalen Bibliothek (www.ddb.de) ein nächster Konflikt auf nationaler Ebene an: Ohne eine Gesetzesnovelle, die der medialen Praxis ein Stück weit entgegenkommt, wird sie nicht zu haben sein. Wer redet in solchen Zeiten davon, was für die Kultur wünschenswert wäre?

Es gibt gute Gründe, Lawrence Lessigs Euphorie über ein bevorstehendes goldenes Kreativitätszeitalter zu dämpfen. Auch zeugen seine Vorstellungen von den Einkommensmöglichkeiten unabhängiger Künstler auch ohne verkürzte urheberrechtliche Laufzeiten von einer gewissen Blauäugigkeit. Die Fragen, die Lawrence Lessig in seinem Essay „For the Love of Culture – Google, Copyright and our Future“ für „The New Republic“ vom 26. Januar (www.tnr.com) stellt, aber gar nicht erst ernst zu nehmen, wäre so falsch wie der Vorwurf, dass er immer wieder dieselbe Platte auflegt. Es sind dieselben Töne, aber mit welchen sich unablässig verändernden Echoräumen, die vielem eine neue Bedeutung verleihen.

„Ob Autoren nun damit glücklich sind oder nicht“, schreibt er über die für den Nutzer kostenlose Bibliothekstradition, „es ist entscheidend zu erkennen, dass der freie Zugang, den diese Welt geschaffen hat, ein wesentlicher Bestandteil der Art und Weise waren, unsere Kultur zu überliefern.“ Für ihn steht fest: „Die physische Bibliothek ist ein Zufluchtsort vor den Messungen des Marktes. Sie ist natürlich innerhalb eines Marktes erschaffen; aber wie Kinder im Spielzimmer lassen wir beim Leben in der Bibliothek den Markt außen vor.“ Er fürchtet, dass dieses Nebeneinander der Welten an ein Ende kommt: „Wir sind dabei, diese Vergangenheit radikal zu ändern. Und die Prämisse dieser Änderung ist ein unscheinbarer Teil der Architektur unseres Copyright-Gesetzes: Es reglementiert nämlich Kopien.“

Einer fruchtbaren Diskussion stehen allerdings unscharfe Begriffe im Weg – und Metaphern, die man mit der Sache selbst verwechselt, etwa die Übertragung des Bibliotheksbegriffs aus dem Materiellen ins Virtuelle. Wer ein gemeinfreies Buch aus dem Netz herunterlädt, entleiht es in der Regel nicht, es bleibt bei ihm. Dieser Vorzug könnte sogar Nachteile haben. Denn freier – und vor allem: sofortiger – Zugang ist nicht alles. Es gibt auch den Reiz physischer Orte, es gibt Raritäten und mühselig zu besorgende verbotene Werke. Das kostenlose Vorhandensein von Kultur führt noch lange nicht dazu, dass gezielte Interessen entstehen – geschweige denn ein tieferes Verständnis.

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