Literatur : Zocken in Zagreb

Nachrichten aus der freien Welt: Edo Popovics Roman „Die Spieler“

Nadine Lange

Das Spiel hat keinen Namen, seine Regeln sind flexibel, und einen Schiedsrichter gibt es nicht. Nur das Ziel ist klar: Raffe möglichst viel Geld, Luxusgüter und Macht an dich, egal wie. Zu den Grundtechniken, die jeder Spieler beherrschen muss, gehören Bestechung, Erpressung, Skrupellosigkeit und Gewalt. Großer Beliebtheit erfreut sich das Spiel in postkommunistischen Ländern, wo es oft die Systemumstellung zu „Demokratie und Kapitalismus“ begleitet.

Für Kroatien hat der 1957 geborene Schriftsteller Edo Popovic das einmal so beschrieben: „Wir haben heute ein paar Rechte mehr, freie Meinungsäußerung, Pressefreiheit, aber dieses Paket enthält auch die Freiheit zu verhungern. Diejenigen, die am meisten profitierten, waren Kriminelle und die neue politische Elite. Die machen gerade richtig ein Fass auf.“ Davon erzählt Popovic in seinem Roman „Die Spieler“, der aus drei locker verbundenen Teilen mit den Überschriften „Konzert für Tequila und Valium“, „Die Tänzerin aus der Blue Bar“ sowie „Bube, Dame, Depp und Bulle“ besteht.

Mladen Folo ist weder ein besonders versierter noch motivierter Spieler. Der Literaturwissenschaftler leitet die Abteilung für Kulturterrorismus im kroatischen Innenministerium. Allerdings hat er keinen einzigen Mitarbeiter und befindet sich nach eigener Einschätzung „nur einen Fingerbreit über der Straßenstreife“. Wie es um ihn steht, sieht man schon an seinem Auto: einem Golf, der irgendwo in Serbien gestohlen wurde. Gewinner fahren natürlich Mercedes.

Eines Tages bekommt Folo einen bizarren Auftrag: Weil Kroatien sich der Anti- Terror-Allianz angeschlossen hat, will man den Verbündeten demonstrieren, wie ernst es dem Staat mit der Terroristenjagd ist. Also muss ein kroatischer Al-Qaida-Verschwörer her, der an den Pranger gestellt werden kann. „Endlich mal etwas Action“, denkt Folo und bastelt eine absurde Legende zusammen, in deren Zentrum er den jüdischen Schriftsteller Boris Elazar stellt. Der ist ein Außenseiter und Trinker ohne politische Ambition, doch bald bezichtigen ihn riesige Schlagzeilen terroristischer Aktivitäten.

Trotz dieses eindrucksvollen Talentbeweises wird Mladen Folo in den folgenden Kapiteln von „Die Spieler“ keine Karrieresprünge machen. Er wird sich aber auch nicht weiter als Fiesling betätigen, sondern entpuppt sich als einer dieser lakonischen, leicht kaputten Antihelden, wie man sie aus den früheren Romanen von Edo Popovic kennt. So ist Folo um ein, zwei Ecken mit den trinkenden Verlierertypen seines Episodenromans „Ausfahrt Zagreb-Süd“ seelenverwandt, der in der Plattenbausiedlung Utrine angesiedelt war.

Eben dort wohnt auch Folo – nicht in einer der Villen von Tuskanac, in der sich die Topspieler niedergelassen haben: Generäle und Parteibonzen, die schon in Jugoslawien oben mitgemischt haben, sowie jede Menge dubioser Geschäftsmänner. Sie alle bezeichnen sich natürlich als erstklassige Patrioten. Die Machenschaften zweier solcher Herren behandelt der zweite Teil des Romans. Er ist als Thriller angelegt – inklusive Leichen, einer Entführung und konspirativer Treffen. Allerdings geht es Popovic nicht um Spannung – sie ist nur ein Nebeneffekt seines dreckigen Realismus – sondern darum, die kriminelle Maschinerie vorzuführen. Und ihr dann Sand ins Getriebe zu streuen. Denn die Brutalinskis gehen hier einmal nicht als Sieger vom Platz.

Dennoch zeichnet Edo Popovic in „Die Spieler“ ein finsteres Bild seiner Heimat. Seine Wut über die Verhältnisse ist spürbar, doch sie macht ihn nicht zum moralisierenden Schwarz-Weiß-Maler. Im Gegenteil: Popovic, der 1987 mit dem Generationenporträt „Mitternachtsboogie“ in Jugoslawien bekannt wurde und über den kroatisch-serbischen Krieg Anfang der Neunziger viel beachtete Reportagen schrieb, ist ein besonnener Erzähler. Er zeichnet seine Figuren derart differenziert und oft auch humorvoll, dass man ihnen tief hinein in die Abgründe ihres Lebens folgt.

Dass sich jemand dem System durch exzessives Trinken entzieht, erscheint ebenso plausibel wie Folos „Taxidriver“- artiger Ausbruch am Ende. Popovic liebt seine Figuren, und er hasst die Welt, in der sie leben müssen. So lässt er am Ende doch noch etwas Licht auf sein Personal fallen. Schon den taumelnden Gesellen von „Ausfahrt Zagreb-Süd“ schrieb er ein geradezu utopisches Finale, und auch diesmal setzt er ein paar hoffnungsvolle Zeichen. Glück gehört schließlich zu jedem Spiel dazu.

Edo Popovic:

Die Spieler. Roman. Aus dem Kroatischen von Alida Bremer.

Voland & Quist,

Dresden und Leipzig 2009. 273 S., 19,90 €.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben