Zu Hause : Im Bad

Wie keinen anderen Schriftsteller faszinieren unseren Autor die Räume einer Wohnung – dem Bad hat er sogar einen Roman gewidmet.

Jean-Philippe Toussaint
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"Intimacy" heißt die Ausstellung über das "Baden in der Kunst" im Kunstmuseum Ahlen.-Foto: Qingsong Wang/ Kunstmuseum Ahlen

Das Badezimmer ist ein komischer – ein metaphysischer, ein erotischer Raum. Man denkt sofort ans Nacktsein. Aber man ist geschützt, da kommt nicht einfach jeder herein. Man kann die Tür schließen, ungestört sein. Eine Pause einlegen. Das ist wie Urlaub vom Leben. Es ist, als würde die Zeit stehen bleiben, während sie im Rest der Wohnung weiterläuft. Man ist gleichzeitig außerhalb der Welt und zu Hause. Wie in einer Muschel. Wobei natürlich immer das Risiko besteht, dass auf einmal doch jemand hereinkommt.

In meinem Roman „Das Badezimmer“ verbringt ein junger Mann seine Tage und Nächte in der Badewanne, empfängt seine Mutter im Bad, als sei es ein Salon. Er liegt angezogen in der Badewanne wie in einem Bett und denkt über das Leben nach. Das würde ich selber nie tun, im Bad wohnen. Dennoch ist es ein wunderbares literarisches Bild – für Rückzug, für Flucht.

Mir gefällt das alte französische Wort Pièce d’eau. Sagt man das auch auf Deutsch? Wasserzimmer? Man befindet sich im Badezimmer ja fast im Wasser. Wer in der Badewanne liegt, nimmt eine ähnliche Position ein wie ein Embryo im Bauch der Mutter. Auch dort ist man geschützt, und es hat etwas sehr Symbolisches. Als befinde man sich an der Quelle von etwas. Herrlich.

Mein Roman wurde vom Badezimmer meines Großvaters in Paris inspiriert, als Student habe ich ein Jahr lang in der Wohnung gelebt. Es lag am Ende des Flurs, es war der ruhigste Ort in der Wohnung. Es gab ein Waschbecken, einen kleinen Spiegel an der Wand, ein Bidet und eine Badewanne mit Dusche.

In meinen heutigen Badezimmern, in Brüssel, auf Korsika und an der belgischen Küste, muss die Badewanne aus weißer Emaille sein. Das ist wie eine Obsession: Wasser und weiß, weiße Wände, ein weißes Waschbecken. Das ist Reinheit. Kunst im Badezimmer brauche ich nicht. Ich hab’ es gern praktisch, ich mag klare Strukturen. Ich möchte im Bad auch nicht fernsehen oder lesen. Das Bad ist das Bad.

Allerdings gefällt es mir, in schicken Hotels, dort ein Telefon zu haben. Ich hasse es zwar, zu telefonieren oder angerufen zu werden. Aber ich liege dann gern in der Badewanne und schaue das Telefon an. Es soll bloß nicht klingeln. Ein klingelndes Telefon ist schrecklich. Man muss lernen, nicht dranzugehen, gerade im Bad. Ach, ich liebe diese großen Marmorbäder in guten Hotels. Ich kenne weltweit mindestens 400 von diesen Orten ohne Eigenschaften. Leer und clean. Ich finde das befreiend.

In den Badezimmern meines normalen Lebens geht es allerdings viel unordentlicher zu. Da liegen die Sachen meiner Frau und meiner Tochter oder meines Sohnes herum, lauter schmutzige Wäsche, Schminksachen, Zahnbürste und Zeitungen. Das stört mich. Deswegen genieße ich diese Aufenthalte in der Fremde, im Hotel. Dort bade ich auch viel lieber als zu Hause.

In manchen japanischen Badezimmern sind die Badewannen tief in den Boden eingelegt. Man steigt in sie hinab, aber weil die Wanne traditionell bis obenhin mit Wasser gefüllt wird, schwappt es beim Einsteigen in den ganzen Raum. Da ist man dann wirklich im Wasser. Die meisten Japaner pflegen eine enge Beziehung zum Wasser und dem Badezimmer. Sie verbringen dort Stunden, wie im Café. In den öffentlichen Badeanstalten waschen sie sich, diskutieren, duschen, lesen, trinken zwischendurch ein Bier, gehen wieder ins Wasser. Es ist ein großer sozialer Ort, sehr komfortabel, mit vielen verschiedenen Becken.

Wenn ich in ein Hotelzimmer komme, überhaupt einen fremden Ort, schließe ich als erstes meinen Computer an, dann den Drucker und stelle die Internetverbindung her: Ich richte mich ein, um eventuell schreiben zu können. Das ist wie ein Ritual. Dann gehe ich ins Bad, packe meine Waschtasche, mein Rasierzeug aus. Sich rasieren, das ist etwas sehr Sinnliches. Man ist sehr präsent, sieht sein Gesicht im Spiegel. Diese intimen maskulinen Gesten. Ich rasiere mich oft. Es ist wie eine besondere Begegnung mit sich selbst.

Momentan wohne ich im Literarischen Colloquium in Berlin. Dort ist mein Appartement knapp unter dem Dach, es gibt schräge Balken, und wenn ich im Bad bin, muss ich aufpassen, dass ich mir nicht den Kopf stoße. Im Grunde aber mag ich die alten Berliner Badezimmer, wie jenes, das ich vor ein paar Jahren als DAAD-Stipendiat in meiner Wohnung am Rathenauplatz in Grunewald hatte. Das Bad stammte noch aus den 50er-Jahren, es hatte schon etwas abgenutzte Fliesen an der Wand, die mich an die Pariser Metro erinnert haben. Ein bisschen nostalgisch. Solche realen Orte inspirieren mich für meine literarischen Badezimmer.

Ich finde es aufregend, im Bad von anderen zu sitzen: Als Fremder in einem sehr intimen Raum. Eigentlich sollte man nicht dort sein. Ich könnte die Wandschränke öffnen, so wie eine Damenhandtasche. Das gehört sich nicht, aber es ist auch nicht verboten. Man befindet sich irgendwo dazwischen.

Im Badezimmer der anderen fühle ich mich wie in einem Roman. Ich mag diese geheime Dimension. Das Bad der anderen: Das wäre doch ein grandioser Buchtitel. Allerdings ziehe ich keine psychologischen Schlüsse aus der Einrichtung oder den Gegenständen, die dort herumstehen. Und so ein Haus mit großartigem Designerbadezimmer beeindruckt mich überhaupt nicht.

Mich reizt nicht nur das Bad, ich stöbere auch gern auf den Schreibtischen der anderen. Möchte entdecken, was dort herumliegt. Man könnte einen Brief öffnen, oder ein Schubfach und überrascht werden. Unterlagen, Dokumente, etwas Geschriebenes finden, oder einen bereits geöffneten Computer! Ich schaue mir dann die Mails an. Einige Male schon ist es mir passiert, dass ich im Internetcafé die ungeschlossene Mailbox eines anderen finde, der vor mir dort saß. Genial! Dessen Mails lese ich natürlich. Man wird mit dem Verbotenen konfrontiert, es fühlt sich ein bisschen an wie Spionage, aber sie ist gratis. Und unsinnig, ohne ein eigenes Interesse. Man kennt den anderen ja gar nicht.

Die Küche der anderen reizt mich dagegen weniger, da ist alles offen, eindeutig, zweckmäßig. Vor allem mag ich in einer Wohnung schließlich die Türen. Ich schließe sie gern, genauso wie die Fenster. Solche Motive kehren in meinen Büchern immer wieder. In dem neuen Roman „Die Wahrheit über Marie“, lässt die Protagonistin immer alle Türen offen stehen, aber der Erzähler möchte sie schließen. Daher streiten sie sich immer. Es ist ein bisschen so wie im richtigen Leben. Aber wer mit mir lebt, muss das akzeptieren. Ich suche immer wieder die Magie eines verschlossenen Zimmers. Mir macht die Idee, dass die Zeit verfließt, dass alles flüchtig ist, ein bisschen Angst. Ich möchte fern dieser Gefahren der Außenwelt sein. In einem verschlossenen Zimmer ist der absolute Stillstand präsent. Die Macht des Unbewegten, so ähnlich wie auf den Bildern von Mondrian. Es kann trösten. Dieses strategische Pendeln zwischen Immobilität und Bewegung, hin und her, empfinde ich auch beim Schachspielen.

Ich bekomme in einem verschlossenen Zimmer einen intensiveren Zugang zu meinem Geist, meinem Selbst. Deshalb sitze ich auch gern allein in einem Kinosaal. Das geschieht nur leider selten, man kann die Leute ja nicht einfach wegschicken. Aber mir gefällt die soziale Seite des Kinos nicht. Wer liest schon ein Buch zu viert? Ich brauche die Einsamkeit, um nachdenken zu können. Wirklich überlegen kann ich nur, wenn ich ganz alleine bin. In einem Gespräch kann man auf neue Gedanken kommen, aber um präzise sein zu können, sich weiterzuentwickeln, muss man sie vorher selber durchdacht haben.

In „Das Badezimmer“ erzähle ich von einem grübelnden Nichtstuer – das Gegenteil von dem Helden in meinem Roman „Fernsehen“, der in Berlin spielt. Der Typ hockt im Wohnzimmer und glotzt, bis er irgendwann feststellt, dass Fernsehen etwas Passives ist, das ihn an seinem eigentlichen Leben hindert. Er stürzt sich in die Wirklichkeit, feiert, tanzt, liebt.

Und ich? Ich schließe mich wieder ein und schreibe. Also flüchte ich vor der Welt. Im Grunde bin ich mein ganzes Leben lang geflüchtet. Das Badezimmer ist dafür mein literarischer Ort.

Aufgezeichnet von Maxi Leinkauf.

„Das Badezimmer“ ist bei btb erschienen, „Fernsehen“ bei der Frankfurter Verlagsanstalt. Jean-Philippe Toussaint liest am 25. März im Literarischen Colloquium aus „Zidanes Melancholie“ über Zinedine Zidane. Zur Ausstellung „intimacy! Baden in der Kunst“ ist ein Katalog im Wienand Verlag erschienen (49,80 Euro).

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