Literatur : Zu Hirsau in den Trümmern

Karl-Heinz Ott porträtiert einen Weltanschauungsschwadroneur

Michael Braun

Wenn aus einem Schwarzwald-Idyll ein Tatort wird, können auch die Verse Ludwig Uhlands nichts mehr retten. „Zu Hirsau in den Trümmern / da wiegt ein Ulmenbaum / Frischgrünend seine Krone / Hoch überm Giebelsaum“: Nur bruchstückhaft vermag sich der desillusionierte Held in Karl-Heinz Otts neuem Roman an diese Uhland-Zeilen zu erinnern. Seine romantische Utopie ist ihm längst abhandengekommen. Denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wird der ehemalige Tankstellenpächter Richard T. eines Morgens in einem Dorf im Südschwarzwald verhaftet. Der unschuldig Verhaftete gerät in die Mühlen der Justiz und sinnt nach Möglichkeiten, seiner misslichen Lage zu entkommen.

Mit dieser Variation eines Kafka-Motivs setzt der neue raffinierte Roman des Freiburger Autors Karl-Heinz Ott ein – mit den zermürbenden Selbstgesprächen eines Untersuchungsgefangenen. In seiner Zelle lässt er die Vorgeschichte des ihm angelasteten Verbrechens Revue passieren. Die eigentlichen Täter, ein demissionierter Pfarrer nebst der früheren Freundin des Untersuchungshäftlings, sind auf der Flucht – und nur ein Rest von Loyalitätsgefühl hindert den Romanhelden daran, sich als Augenzeuge des gewalttätigen Geschehens zu outen.

Mitten im Höllental im Südschwarzwald ist offenbar „eine ganz diabolische Sache“ in Gang gekommen – und der Autor macht sich ein Vergnügen daraus, uns ins Spekulative zu locken und uns dann die Lösung des Rätsels vorzuenthalten. Wie der kauzige Widerpart des Helden im Erfolgsroman „Endlich Stille“ (2005) ist Otts Protagonist ein „Weltanschauungschwadroneur“, der sich in weit verzweigte Räsonnements über Kunst und Leben, Utopie und Alltag, Gott und die Welt verstrickt. Der arbeitslos gewordene Tankstellenpächter verfügt zwar über kleinkriminelle Energien als Zulieferer polnischer Autoschieber, aber als Täter in dem ihm zur Last gelegten Fall schwerster Körperverletzung kommt er nicht in Betracht. Fast hundert Seiten lang folgt man gebannt den inneren Monologen des Untersuchungshäftlings.

Doch nach der vorläufigen Freilassung des Verdächtigen schlägt auch der Roman eine andere Richtung ein. Aus der beklemmenden Selbstbefragung eines Gefangenen in einer stinkenden Zelle wird der eher komische Exkurs eines sentimentalen Aussteigers über den Ruin seiner Utopie. Der Lebenskünstler irrt durch Freiburg und besinnt sich beim Konsum etlicher Biere auf sein verpfuschtes Leben. Als Stadtflüchtling hatte Richard T. dereinst in einem Bahnwärterhäuschen eine antibürgerliche Wohngemeinschaft gegründet. Mit seinen hedonistischen Träumen erlitt er alsbald Schiffbruch und suchte in einem Kaff am Rande des Südschwarzwalds als Tankstellenpächter sein Dasein neu zu ordnen. Dort verschlechtern sich die Lebensbedingungen erheblich, als eine mächtige Brücke gebaut wird, die den Touristenstrom vorbeischleust. Was den Dorfbewohnern nach ihrem ökonomischen Ruin bleibt, sind philosophische Dampfplaudereien in der Dorfschenke, wo man kühne Auswanderungspläne ausbrütet, die freilich nie realisiert werden. In dieser Tristesse siedelt sich auch ein ehemaliger Pfarrer an, der, von bösartigen Kindesmissbrauchsgerüchten verfolgt, zum Gesprächspartner des Helden wird.

Karl-Heinz Ott demonstriert in seinem neuen Roman seine ganze Kunstfertigkeit als Baumeister existenzialistisch verschlungener Sätze. Der mit vielen Konjunktiven mobilisierte Möglichkeitssinn des Helden wird immer wieder konterkariert durch eine überbordende Suada von Vergeblichkeitsbekundungen. Ott ist ein akribisch arbeitender Verhängnisforscher, seine tragikomischen Helden entdecken das Scheitern als Lebensform. Bereits im Titel des Romans hat Ott ja eine fatalistische Pointe versteckt. Denn der Halbsatz „Ob wir wollen oder nicht“ unterstellt die Determiniertheit allen menschlichen Handelns. Im zweiten Teil des Buchs, beim Verhör des Verdächtigen durch den Untersuchungsrichter, lässt die Kraft der monologischen Ausschweifung etwas nach. Aber gegen Ende, wenn Ott etwa die Trostlosigkeit eines verlassenen Bahnhofs schildert, ist er wieder auf der Höhe seiner Kunst.

Es gehört zu den subtilen Strategien dieses Buches, eine erlösende Pointe zu verweigern. Was sind die Motive des Täters, wer ist das Opfer? Mit diesem Rätsel wird der Leser alleingelassen – so dass man schließlich von der paranoischen Beunruhigung des Romanhelden infiziert wird.

Karl-Heinz Ott: Ob wir wollen oder nicht. Roman. Verlag Hoffmann & Campe, Hamburg 2008. 206 Seiten, 17,95 €.

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