Literatur : ZUM THEMA

Tom Segev

: Die ersten Israelis – Die Anfänge des jüdischen Staates, Siedler Verlag, München 2008, 414 Seiten, 24,95 €.

„Dieses Buch war der erste Versuch, sich mit der Geschichte eines Landes auseinanderzusetzen, das bis dato keine Historiografie kennt.” Bescheidenheit klingt anders, doch was Tom Segev in der deutschen Ausgabe zu seinem bereits 1984 erschienenen Buch über Israels Staatsgründung schreibt, trifft durchaus zu. Segev war einer der ersten Wissenschaftler, die unter der Bezeichnung „Neue Historiker“ auf Basis solider Quellenrecherchen so ziemlich alles zertrümmerte, was an Mythen rund um das Entstehen des jüdischen Staates bis dahin Gültigkeit hatte. Insbesondere beim Thema Einwanderung stellt Segev gängige Darstellungen auf den Kopf. Denn die Holocaustüberlebenden aus Europa oder jüdischen Flüchtlinge nordafrikanischer Herkunft wurden nicht immer mit offenen Armen in Empfang genommen, sondern hatten aufgrund der ignoranten Haltung der „ersten Israelis“ Schwierigkeiten, Fuß zu fassen. Die neuen Einwanderer wurden nach ihrer Ankunft als „menschliche Wracks“ (hebräisch avak adam) beschrieben, so Segev. Das klingt zwar arg pauschal, doch decken sich seine Aussagen mit vielen Zeitzeugenberichten, in denen etwa die entwürdigende Besprühung mit DDT bei der Landung in Israel erwähnt wird. Segev dazu: „Die Haltung der ersten Israelis gegenüber den Neuankömmlingen war widersprüchlich und emotionsgeladen, und sie war von Vorurteilen geprägt, die mit dem Selbstbild der Alteingesessenen als Juden und Israelis zusammenhing.“ Wie man es von Segev nicht anders gewohnt ist, skizziert er die Jahre rund um die Gründung Israels derart spannend und opulent, dass man das Buch wie einen Krimi nicht aus der Hand legen mag. Ralf Balke

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