Literaturausstellung : Ein Bleistift wird zum Dirigentenstab

Eine Arno-Schmidt-Hommage in der Galerie Parterre

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Salonlöwe. F. W. Bernstein zeigt Schmidt in tierischer Gesellschaft. Foto: Bernd Kuhnert
Salonlöwe. F. W. Bernstein zeigt Schmidt in tierischer Gesellschaft. Foto: Bernd Kuhnert

Die Welt durch die Augen von Künstlern zu betrachten ist ein schönes Vexierspiel. Aber was passiert, wenn Künstler sich von einem der ihren inspirieren lassen? Von einem, der einen ganz eigenen radikalen Blick auf die Welt hatte? In der kommunalen Galerie Parterre widmen vierzig bildende Künstler dem Schriftsteller Arno Schmidt eine Ausstellung. Dessen Texte strotzen vor eigenwilliger Zeichensetzung und Schreibung, vor Querverweisen und Perspektivwechseln. Es kann einem schwindlig beim Lesen werden. „Zettel’s Traum“, ein Monument von mehreren tausend Seiten, ist letztes Jahr zum ersten Mal in einer gesetzten Ausgabe erschienen. Mehrere Spalten, Einschübe und Randbemerkungen setzen sich typografisch ab. Ein störrisches Gesamtkunstwerk. Arno Schmidt, den liebt man oder hasst ihn.

Er selbst nannte sich einen „fleißigen Mosaikarbeiter“. In der Galerie Parterre kommen Puzzleteilchen anderer hinzu. Das kann den Besucher nur ratlos machen. Manches ist illustrativ. Vieles abstrakt. Weniges ordnet sich dem Titel der Ausstellung unter, der das Spannungsverhältnis zwischen Provinz und Großstadt beschreibt: „New York? Großstadt ist Großstadt; ich war oft genug in Hannover“, entnommen der Erzählung „Trommler beim Zaren“.

Michael Bartsch übersetzt Schmidts sprachliche Collagen in geklebte Bilder aus Zeitungsschnipseln, Fotografien und Zeichnungen. Nicht nur Veronike Hinsberg scheint das Schmidt’sche Chaos in geordnete Bahnen lenken zu wollen. Ihre perspektivischen Zeichnungen schräger Flächen sind feinsäuberlich mit Bleistift schraffiert. Der Titel: „Dichte Lagen“. Georg Baselitz’ Druckgrafik eines Mädchenunterleibs könnte Schmidts Erzählung „Seelandschaft mit Pocahontas“ illustrieren.

Herausragend ist die Installation von Wolfgang Müller, in den Achtzigern Mitglied der Berliner Musik-Performance-Gruppe „Die tödliche Doris“. Hier verschmilzt Wort und Kunst zu Wortkunst, ganz im Sinne des Schriftstellers. Müller zählt in einem Video minutenlang die verschiedenen Varianten zur Entstehung des Begriffs „Rohrdommel“ auf, von „horatûpil“ bis „rorreigel“. Und er demonstriert, wie man den Ruf des Vogels nachahmen kann, wenn man in eine Flasche hineinbläst. Möglicherweise hatte diesen Ton einst auch Schmidt vernommen, die beiden Künstler wohnten nicht weit voneinander entfernt.

Schmidt lebte zurückgezogen im niedersächsischen Dorf Bargfeld. Mit 35 Jahren fing er an zu schreiben. Sein Häuschen hat Karen Koschnik in Modellgröße nachgebaut. Es steht erhöht, so dass man seinen Kopf durch den Boden stecken kann und das regelmäßige Klackern hört.

Zeichner F. W. Bernstein adelt Schmidt: Bei ihm ist der Schriftsteller ein distinguierter Herr im Smoking, umringt von einer tierischen Gesellschaft in Abendgarderobe, ein Hase, ein Hai, ein Stier. Ein Eigenbrötler muss Schmidt gewesen sein, einer seiner wenigen Freunde war der Maler und Grafiker Eberhard Schlotter. Eines seiner Gemälde ist ebenfalls ausgestellt. Es ist heute im Besitz der Arno-Schmidt-Stiftung, die mit der Galerie Parterre und dem Verein Berliner Kabinett die Schau organisiert hat.

„Ein guter Schriftsteller darf keinen Freund haben“, sagte Schmidt in einem der Fernsehinterviews aus den Sechzigern, die auch in der Ausstellung laufen. Sie zeigen den Autor als schillernde Persönlichkeit zwischen Alleinunterhalter und Superhirn. Er schwingt seinen Bleistift wie einen Dirigentenstab, während er den Gesprächspartner mit einem Redeschwall betäubt. Er sagt ganz wunderbare Sätze, wie „ein Stock im Petticoat“, das müsse einem Autor einfallen. „Im Gegensatz zum Leser, der an einen Regenschirm denkt.“ Dem gibt es nichts hinzuzufügen. Anna Pataczek

Galerie Parterre, bis 20. März, Danziger Straße 101, tägl. 14–20 Uhr.

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