Literaturdebatte : In Zeiten zunehmenden Lichts

Die deutschsprachige Literatur ist stark wie lange nicht mehr. Leider fehlen viele Titel auf der Liste für den LEIPZIGER BUCHPREIS.

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Vor zwei Wochen schaltete die Leipziger Buchmesse eine ganze Seite in der „Zeit“, um ihren Buchpreis bewerben. Alle 15 Kandidaten in den drei Kategorien Belletristik, Sachbuch und Übersetzung sollten ihren Auftritt bekommen, die Cover mitsamt den Jubelsprüchen aus der Literaturkritik waren fein säuberlich aufgereiht. Für einen Titel in der Kategorie Übersetzung und für Sherko Fatahs in der Belletristik nominierten Roman „Ein weißes Land“ aber reichte es nicht mehr ganz. Kein Cover, kein Kritikerlob, nur die Nennung in einem sonst leeren Kästchen.

Das sah aus, als würde die Messe nicht an ihr eigenes Produkt glauben. Als wüsste sie, dass ihr Preis, der am heutigen Donnerstag vergeben wird, weniger zum Erfolgsmodell taugt als der Deutsche Buchpreis in Frankfurt. Das hat Gründe. In Leipzig werden auch Sachbücher und Übersetzungen ausgezeichnet, was das Ganze etwas unüberschaubar und auch undurchschaubar macht. Ehrenwert ist es trotzdem: Saul Friedländer und Rüdiger Safranski wurden ausgezeichnet, die Übersetzungen von Monumentalwerken wie Roberto Bolanos „2666“ waren nominiert oder gewannen, wie die von David Foster Wallace’ „Unendlicher Spaß“ 2009 oder Tolstois „Krieg und Frieden“ 2011.

Trotzdem galt die größte Aufmerksamkeit und der anschließend größte Jubel immer der im Vergleich etwas schwachbrüstigen Belletristik, deren Gewinner in den letzten Jahren Mühe hatten, Bestsellerpotenzial zu entfalten. Ähnlich verhält es sich auch diesmal: Péter Nádas und William H. Gass, also Großwerke bei den Übersetzungen, und bei den Sachbüchern Manfred Geiers Buch über die Aufklärung als das ultimative europäische Projekt, Winfried Schoellers Döblin-Biografie, Carolin Emckes Studie über die Entdeckung des Begehrens und Lothar Müllers Geschichte des Papiers (nie war es mehr in Gefahr als heute!). Und daneben eine erratisch anmutende Belletristikauswahl, bei der nur Wolfgang Herrndorf mit „Sand“ und Thomas von Steinaeckers „Das Jahr, in dem ich aufhörte, mir Sorgen zu machen und anfing zu träumen“ überzeugen.

Dabei fällt es in diesem Jahr leicht, eine Handvoll andere Titel zu nennen, die eigentlich hätten nominiert werden müssen. Denn diese Frühjahrsaison der deutschsprachigen Literatur erweist sich als ungewöhnlich stark, vielfältig und aussagekräftig, mit Christian Krachts „Imperium“, Andreas Maiers „Das Haus“ und Bernd Cailloux’ „Gutgeschriebene Verluste“, Felicitas Hoppes Antiautobiografie „Hoppe“, Annette Pehnts Generationenroman „Chronik der Nähe“ oder Ulla Lenzes Trauerbuch „Der kleine Rest des Todes“. Umso merkwürdiger, dass etwa Burkhard Müller, Kritiker der „Süddeutschen Zeitung“, die aktuelle deutschsprachige Gegenwartsliteratur in ihrer Gesamtheit missmutig abwatscht. Er wirft ihr vor, nur Coming-of-Age-, Familien- oder historische Romane zu produzieren und der „authentischen Erinnerung“ zu viel Raum zu geben. Zur gelingenden Erfindung sei sie nicht fähig, und wenn doch, dann habe diese Prosa „die Neigung zum hochgradig Unwahrscheinlichen und zeigt nicht selten einen Zug der Angeberei“.

Müller nennt drei britische Autoren als Gegenbeispiele. Aber hat er Leif Randt gelesen oder einen Roman von Zaimoglu? Oder Steinaecker oder Herrndorf? Es spricht doch nichts gegen Coming-of- Age- oder Familienromane, wenn sie kunstvoll erzählt sind, wie es Eugen Ruge in „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ getan hat, wenn sie eben nicht nur eine Familiengeschichte Revue passieren lassen. Oder wenn sie, wie Annette Pehnt, drei Frauengenerationen ineinander blenden, Lebenslinien sichtbar machen, zeigen, wie emotionale Muster sich vererben.

Und was kümmert einen die Erfindungsgabe eines jungen Autors, der, sagen wir, Erlebtes aus seiner Adoleszenz so schön und klug erzählt, dass es weit über das eigene Schicksal hinausweist? Und warum muss Marion Brasch, die in „Ab jetzt ist Ruhe“ ihr Leben, das ihres Vaters Thomas und ihrer drei Brüder eindrücklich und unterhaltsam aufgeschrieben hat, mit dem Verdikt abgestraft werden, das sei aber keine große Literatur? Felicitas Hoppes Autorinnenfiktion und selbst Cailloux’ 68er-Lebensroman „Gutgeschriebene Verluste“ wiederum sind hochartifizielle Gebilde: mal mehr, mal weniger zwischen Wahrheit und Fiktion changierend, mal Geschichten zulassend, mal diese verweigernd. Und auch jemand wie Andreas Maier mit seinem Wetterau-Romanprojekt ist ein Erinnerungskünstler, der sehr genau weiß, wann er etwas zu erfinden hat.

Erstaunlich ist in diesem Zusammenhang auch, wie wenig in der Kracht-Debatte die „Imperium“-Ästhetik behandelt wurde. Kracht hat ja nicht bloß einen historischen Roman vorgelegt, der brav das Leben von August Engelhardt erzählt, sondern einen in Sprache und Stil fein zitatistischen Roman. Einfach realistisch nachzuerzählen, das war ihm zu wenig. Es ist also etwas dünn, Kracht stets seine Pop-Vergangenheit nachweisen zu wollen oder ihn als nihilistischen Dandy abzutun.

Jedenfalls steckt in der aktuellen einheimischen Gegenwartsliteratur mehr als das bloße Abbilden von Gegenwart und Vergangenheit: Erfindung, künstlerischer Zugriff, manchmal sogar ein Werk! Erinnert sei an die bleierne Zeit vor 20 Jahren, als in Deutschland über zu viel öde Germanistenprosa gestöhnt wurde. Amerika galt als das Land der klugen, unterhaltsamen Erzähler, bei uns gab es höchstens den neuen Walser, Grass oder Lenz. Heute reicht das Spektrum von Sarah Kuttner über Charlotte Roche bis zu Sibylle Lewitscharoff und Felicitas Hoppe. Und dazwischen – es müssen ja nicht immer superreflektierte Sprachkunstwerke sein – finden sich genügend Autoren, deren Bücher vielleicht nicht in die Ewigkeit eingehen, die aber auf gutem Niveau unterhalten wollen. So die ebenfalls in Leipzig nominierten Werke von Anna-Katharina Hahn und Jens Sparschuh – oder auch Georg M. Oswalds Thriller „Unter Feinden“ oder Benjamin Steins Zukunftsroman „Replay“.

Der aussichtsreichste Kandidat für den Belletristik-Preis ist allerdings Wolfgang Herrndorf. „Sand“ ist nicht nur Publikumsfavorit, selbst der sich sonst nur mit Thomas Mann, Proust, Nabokov oder Harry Potter beschäftigende Germanist Michael Maar hält ihn für den besten deutschsprachigen Roman der letzten zehn Jahre. Und wenn der Name Herrndorf tatsächlich als letzter bei der Preisverleihung in den Messehallen fällt, darf nach den Übersetzungs- und Sachbuchschwergewichten getrost gejubelt werden.

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