Kultur : "Literaturen": Keine Eintagsfliegen!

Ihre Zeitschrift "Literaturen"[so heißt es]

Es ist ein kühnes, wenn nicht tollkühnes Unterfangen: In Zeiten der Krise und des Umbruchs im traditionellen Buchgewerbe gründet der kleine, feine Berliner Friedrich Verlag ("Theater heute, "Opernwelt") eine neue Literaturzeitschrift, die das breitere Publikum sucht. Chefredakteurin des am nächsten Mittwoch erstmals erscheinenden Monatsmagazins "Literaturen" ist Sigrid Löffler - soeben im Zorn geschieden vom "Literarischen Quartett". Die Startauflage soll angeblich bei 80 000 Exemplaren liegen, das erste Heft, das Montagabend in der Berliner Bar jeder Vernunft vorgestellt wird, hat 150 Seiten, später sollen es zum Preis von 12 Mark jeweils etwa 100 Seiten sein. Über die verlegerische Basis, über das Anzeigenaufkommen oder Vertriebsfragen konnte oder wollte Sigrid Löffler keine Auskunft geben. Was jedoch vorab verraten wird, hat sie auf Fragen von Gregor Dotzauer erzählt.



Ihre Zeitschrift "Literaturen", so heißt es vor dem Erscheinen der ersten Nummer am 20. September, will Intelligenz mit Leichtigkeit paaren. Ist der Name der Zeitschrift dafür das erste Beispiel?

Natürlich ist der Titel programmatisch gemeint. Wir denken nicht, dass es heute noch eine kanonisierte Literatur gibt. Es gibt die unterschiedlichsten Literaturen nebeneinander. Jeder von uns weiß, dass sich auch die eigenen Lesegewohnheiten geändert haben. Wir lesen, sofern wir überhaupt noch lesen, oft fünf Bücher gleichzeitig, und der alte Unterschied zwischen E und U ist längst hinfällig geworden. Man liest übersetzte Literatur und Literatur im Original. Auf alle diese Bücher kann man gleichermaßen hinweisen, das ist eine große Chance. Eine weitere Chance liegt darin, dass es einen unglaublich großen Bereich zwischen Sachbuch und Belletristik gibt, dem wir uns widmen können.

Welches Publikum haben Sie im Auge?

Wir müssen einen Spagat wagen: den zwischen der akademischen Klientel, vom Schüler über den Hochschüler bis zum Professor, und dem interessierten Leser. Die akademischen Leser möchten wir intellektuell nicht unterfordern. Und die normalen Leser möchten wir nicht durch hochgestochene Fach-Terminologie vor den Kopf stoßen. Auch ihnen wollen wir etwas bieten , nicht zuletzt durch die journalistische Art, in der die Zeitschrift gemacht ist.

Für das eher akademische Publikum gibt es ja schon eine breite Palette von Literaturzeitschriften, von "Sinn und Form" über das "Schreibheft" bis hin zu "Lettre". Und das alte bildungsbürgerliche Publikum ist weitgehend zerfallen. Müssen Sie Ihre Käufer also vor allem unter den "normalen Lesern" finden?

Ihre Skepsis in Ehren. Ich sehe das Projekt positiver, zumal es schon jetzt viele Rückmeldungen gibt. Ich habe guten Kontakt zum Publikum, von dem ich ständig angesprochen und angeschrieben werde. Und ich höre von den Buchhändlern, wie stark das Interesse an dieser Zeitschrift ist.

Gibt es Vorbilder für "Literaturen"?

Natürlich, vor allem im angloamerikanischen Raum. Zeitschriften wie die "New York Review of Books" oder das "Times Literary Supplement" richten sich ja auch an das normale Leserpublikum und sind andererseits anspruchsvoll genug, auch von einem Fachpublikum gelesen zu werden.

Beide Blätter bringen nur Rezensionen, es gibt darin keine anderen journalistischen oder literarischen Beiträge.

Darin liegt auch der Unterschied zu unserem Vorhaben. Wir wollen neben der Rezension andere Formen zum Tragen bringen: das Porträt, den Essay, die literarische Reportage. Und wir versuchen, das Gleichgewicht zwischen Fiction und Nonfiction einigermaßen zu wahren.

Sie versprechen Orientierung in der Bücherflut, sind aber personell schmaler ausgestattet als manche Literaturredaktionen in Zeitungen. Wie werden Sie das mit vier Redakteuren, Sie selbst eingeschlossen, bewerkstelligen?

Wir machen eine Monatszeitschrift. Unsere Stärke ist in der Tat das Vorsortieren des Marktes. Unser zweiter Vorteil ist ein ausgeprägter Thematisierungsjournalismus. Wir wollen thematisieren, hierarchisieren, bündeln und kontextualisieren: Das alles kann der Tagesjournalismus nicht leisten, denn er muss zunächst seiner Chronistenpflicht genügen.

Was meinen Sie mit Hierarchisieren und Kontextualisieren?

Wir versuchen, in jedem Heft einen Schwerpunkt zu finden. Bücher werden jeweils auf ganz bestimmte Weise gebündelt. Das wird in der ersten Nummer - auf möglicherweise verblüffende Weise - der Schwerpunkt Polen sein ...

Polen ist das Thema der diesjährigen Frankfurter Buchmesse. Sie müssten doch selbst Themen setzen.

Ja. Das ist unsere Freiheit und unsere Verpflichtung. Wir denken jetzt schon über die Schwerpunkte des Januarheftes nach. Wir wollen dem Markt auch mit eigenen Themensetzungen begegnen. Dabei liegen die Themen auf der Straße. So könnte man in nächster Zeit beispielsweise einen Schwerpunkt über die Zukunft der Stadt setzen und all die interessanten Bücher über Urbanistik vorstellen: nicht nur die neuen, sondern auch einige ältere, die noch längst nicht überholt sind. Ich könnte mir auch vorstellen, ein Heft über Archäologie heute zu machen. Oder man erinnert wegen eines aktuellen Anlasses an einen wichtigen Autor.

Worin genau liegt der neue Ansatz?

Tageszeitungen haben eine chronikale Verpflichtung. Sie müssen auch Eintagsfliegen wahrnehmen. Wir als Monatszeitschrift müssen das nicht, wir können Neuerscheinungen auch einfach durchwinken. Und wir können die umstrittensten Bücher des Monats versammeln und die Debatte über sie im Heft inszenieren.

Unter www.literaturen-online.de betreiben Sie auch eine Website. Was wird man dort lesen können?

Unser Inhaltsverzeichnis, aus dem schon viel abzulesen ist. Und Appetizer. Wir haben jetzt schon unser Literaturrätsel ins Netz gestellt. Aber wir werden sicher nicht den gesamten Inhalt hineinstellen.

Keine vollständigen Texte?

Das müssen wir uns noch überlegen. Wir möchten den Internet-Kunden dafür interessieren, uns zu kaufen.

Zum Schluss: Was ist Ihre Leseempfehlung für den Herbst?

Als Sachbuch empfehle ich Edward Saids Autobiografie "Am falschen Ort". Und im belletristischen Bereich Katja Lange-Müllers Buch "Die Letzten".

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben