Literaturevent : Entdeckung!

"Gehet hin und leset!": Rainald Goetz überreicht im Suhrkamp-Haus in der Pappelallee seinen neuen Roman."Johann Holtrop" an Fans und Kritiker.

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So eine Einladung bekommt man nicht alle Tage. „Am 8. September erscheint ,Johann Holtrop’, der neue Roman von Rainald Goetz“, hieß es letzte Woche in einer Mail vom Suhrkamp Verlag, „und der Autor würde Ihnen gerne persönlich ein erstes Exemplar seines neuen Buches überreichen.“ Mittwoch, 1.8., 16 Uhr, im Büro der Suhrkamp-Presseleiterin, Pappelallee 78/79. Aber sollte man dieser Einladung wirklich Folge leisten? Und sich den Roman nicht wie üblich mit der Post schicken lassen? Rainald Goetz ist ja nun nicht Gott und der neue Roman sein ungefähr 15. Buch. Andererseits passt die Einladung zu Goetz, schließlich ist das Feuilleton seit seinem Debütroman „Irre“ 1983 Lebens- und Arbeitselixier.

Es sind dann an diesem heißen Mittwochnachmittag auch alle da, das gesamte in Berlin tätige Literaturfeuilleton plus Ulf Poschardt und Maxim Biller. Die Goetz-Gemeinde. Gekommen, um sich vom Meister höchstpersönlich die Vorabexemplare überreichen und ein paar Worte zur Zeit und zur Literatur mit auf den Weg geben zu lassen. Dicht gedrängt steht man also in dem gar nicht so großen Büro und wartet. Goetz feile noch an seiner Rede, heißt es. Bloß wo? Tatsächlich macht er das in einer Ecke des Büros – der Dichter sitzt gebückt auf einem kleinen Schemel, versteckt unter einer Decke. Nach gut fünf, sechs Minuten streift er sie auf Bitten einer Suhrkamp-Mitarbeiterin ab und steht für seine Rede auf. Irre. Bizarr.

Eine Dichter-Performance, begleitet von Harald-Schmidt- Show-Samples, die über den Bildschirm eines Fernsehers flimmern. Goetz schwärmt zunächst von der Ausstattung und Druckqualität seines Buchs, vom Durchschuss, den Zeilenabständen, er ist da ganz Künstler, der den Werkcharakter betont, der auch das Objekthafte über die Maßen zu schätzen weiß. Weshalb er sich geweigert habe, den Roman elektronisch oder als LoseBlatt-Sammlung bei der Jury des Deutschen Buchpreises einreichen zu lassen. Es müsse doch das gesamte Werk geprüft werden!, deklamiert er.

Dann geht es ans Eingemachte: an die Literatur, die heutzutage ja alles dürfe und müsse, von wegen abgeschlossene Werke, so ein Quatsch! Und an die Literaturkritik, die es heutzutage ja nicht mehr bei Rezensionen belassen wolle und knallhart argumentativ das Für und Wider eines Romans diskutiere, sondern die empfehlen und jubeln wolle, die lieber den immergleichen Teller Suppe mit Schriftstellern löffele und Porträts anfertige.

Goetz beklagt den fehlenden literaturkritischen Diskurs, die Eventisierung der Literatur – und sorgt an diesem Nachmittag selbst für ein kleines Event. Doch auch um Widersprüche geht es bei ihm, da hält er sein knallblaues Buch noch einmal in die Höhe, „die sind hier alle drin!“ Und nachdem er die „Tempostreber“ in den Feuilletons gedisst und auf die Sperrfrist hingewiesen hat, schließt er mit einem Zitat aus seinem Buch „Loslabern“: „Gehet hin und leset!“ Das Hochamt ist beendet. Gerrit Bartels

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