• Literaturexpress 2000: Wie ich unter die Europäer kam - Ein Tagebuch von Richard Wagner (I)

Kultur : Literaturexpress 2000: Wie ich unter die Europäer kam - Ein Tagebuch von Richard Wagner (I)

Der Schriftsteller Richard Wagner[1952 in Rum&aum]

SONNTAG. Nach Lissabon fahren, um den Zug zu nehmen. Von Lissabon nach St. Petersburg. Am Flughafen warten zwei Männer vom portugiesischen Organisationsteam, hinter ihnen ist das Auge der Kamera. Bald werde ich es gar nicht mehr wahr nehmen. Zug fahren also, für Europa. Wenn es was nützt? Wir wohnen außerhalb der Innenstadt, in einem jener Klötze, die von außen wie ein sowjetisches Stadtparlament der siebziger Jahre aussehen, innen aber den Luxus hervorkehren. Nichts ist lächerlicher als die Realität. Ein Kollege sagt: Wir werden jetzt anderthalb Monate lang immer wieder dieselben Texte vorlesen müssen. Weißt du, was das bedeutet? Im Vorfeld der Reise hatten wir zwecks Übersetzung zehn Seiten Text eingereicht. Europas Grenzen sind die der Übersetzung.

Am Abend, auf dem offiziellen Empfang, sprechen die Leute vom Kulturministerium und der Nobelpreisträger Saramago. Es ist das Übliche über Europa. Es wird flüssig gedolmetscht, und an den Tischen, an denen die Autoren sitzen, mischen sich die Sprachen. Was bleibt übrig von einem Satz, der durch alle Sprachen Europas gegangen ist?

MITTWOCH. Tag der Abreise aus Lissabon. Wir haben dem Ozean die Hand aufgelegt, ohne ihn wirklich gesehen zu haben. Einen Blick auf die Nachfahren der Entdecker geworfen, auf die Nachfahren jener Europa abgewandten Portugiesen, die es über das Wasser zog, in jene fernen Welten, deren koloniale und postkoloniale Bizarrerien sie bis heute beschäftigen: von Goa bis Timor.

Der Zug fährt ohne Reden ab. Die portugiesischen Organisatoren haben uns als letztes Geschenk ein Heft mit leeren Blättern überreicht. Eine Mahnung? Lange noch fährt das Wasser mit. Am Zugfenster erscheinen die TEJO-BRÜCKEN. Die Landschaft setzt ein, das Binnenland. Dürr und trocken, Vegetation. Steine, iberisch. Zahllose Kilometer und nichts und niemand. Wir, in diesem Niemandsland eine europäische Schriftstellergesellschaft auf Rädern. Ankunft in Madrid im großen Bahnhofschaos. Lärm und Panik. Eine wichtige Zugankunft, zeitlos. Als wären wir Emigranten, aber wir sind nichts als Reisende auf Staatskosten.

Stehempfang auf der Terrasse des Bahnhof-Cafés Madrid Atocha. Blicke in den Palmengarten im Bahnhof. Langes Rolltreppen fahren mit dem Koffer, immer weiter hinauf, als ginge es zu den Dächern, aber es geht nur zum Bus, oberirdisch. Der müde Blick trifft in der Ferne auf das blaue Neonlicht des Hotels Mercator, in dem ich wohnen werde.

DONNERSTAG. Im Parche Retiro, im Zentrum von Madrid. Auf der Suche nach der Buchmesse. Staubige Wege, Alleen Bäume in der Hitze und plötzlich ein kleiner See mit Booten und Badelärm. Endlich die weißen Rückwände der Kioske, verlassen im Nachmittag. Ich wechsle auf die Vorderseite, die Kioske sind zu. Hinter den verschlossenen Läden liegen die Bücher, die unsichtbaren. Ich Nordlicht habe die Mittagspause vergessen. Ab fünf findet das Leben wieder statt, dann kann man wieder in Büchern blättern. Jetzt hängen über den weißen Kiosken in endloser schweigender Ruhe die Firmenschilder der Verlage.

Auf der Plaza del Sol gehen sie auf und ab, die beiden Betrügerinnen, die Körbchen in der Hand. Stecken mir rote Schleifen an. Gegen Sida, rufen sie, gegen Aids. Spende, sagen sie, und ich werfe die Pesetas in den Korb. In der Spielhalle ist es kalt und laut, wie überall in Europa. Narbige Männer- und harte Frauengesichter fliegen auf die schnellen Lichter zu, wenden sich erschrocken ab. Das Glück hinterlässt tiefe Spuren. Ich werfe ein paar Münzen, die mit dem Loch in der Mitte, in den COIN-PUSHER. Meine Münzen schieben den Metallberg vor, aber kein einziges Kupferstück fällt in meine Hand. Ich, lächerlicher Gelegenheitsspieler, verlasse den Ort der Handlung.

FREITAG. Madrid fehlt sprachlich das Internationale. Bei Barmann wie Taxifahrer fällt das Bestehen auf der Landessprache auf, als wäre das Sprechen eine Besitzstandsfrage. Der Barmann hat ein bewegungsloses Gesicht. Die Bestimmtheit der Handgriffe zwischen Kaffeemaschine und Theke. Das verbissene Arbeiten für und gegen den Kunden. Die auf den Tisch geknallten Gläser, Flaschen und Tassen ergeben den Takt. Die Fremden sind Touristen, man kann nichts gegen sie machen.

Die ersten, die auf unserer Reise bestohlen werden, sind die osteuropäischen Schriftsteller: ein Slowake, ein Rumäne.

Im Prado streife ich die großen alten Meister, die Handwerker Gottes, mit einem Blick. Ich eile die Stockwerke hinauf, zum Teufel mit der Chronologie, nur hinauf und weg, zu Goya, zu den schwarzen Bildern und dann nochmals zurück zu Velazquez, zu seinem Königsfamilien-Bild mit den vielen Perspektiven. Das Bild im Bild und seine Betrachter; der Künstler und seine Protagonisten. Sie betrachten uns, und wir sehen sie.

Am Morgen war der Torero im Fernsehen. Sie trugen ihn schwer verletzt aus dem Stadion. Der Stier blickte ihnen leidenschaftslos nach. Der Torero liegt im Krankenhaus, sagt das spanische Fernsehen. Wir checken aus Spanien aus. Wir nehmen den Nachtzug, den Schlafwagen. Morgen sind wir in Bordeaux. Dort gibt es anderes Fernsehen, französisches. So hat jeder sein Inland und redet trotzdem von Europa. Wie die Dichter: Eine der Veranstaltungen in Bordeaux hat den Titel: Gibt es eine europäische Ästhetik?

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