Kultur : Literaturexpress: Mit Büchern durch Europa

Claudia Keller

"Welch eine heroische Lust!", rief György Konrád am Sonntag auf dem Berliner Bebelplatz, muss es für die Autoren des Literaturexpresses gewesen sein, in sechs Wochen mit über 100 Kollegen aus 43 Ländern von Lissabon über St. Petersburg nach Berlin zu touren. "Too much money, too much sex", resümierte ein Betroffener das außergewöhnliche Experiment. Konrád dachte bei seiner Willkommensrede wohl weniger an die ganz praktischen Freuden. Eher daran, dass die schreibende Spezies (71 Herren und 32 Damen) die Durchquerung des Kontinents ohne psychische Blessuren oder erkennbare körperliche Schäden überstanden hat. Nach dem zusammenschweißenden Erlebnis Literaturexpress sind sie die Botschafter eines Europas, das seine Einheit nur in der kulturellen Vielfalt finden kann. Ein Netzwerk von europäischen Autoren und literarischen Institutionen ist entstanden. Der Literaturexpress war so ein einmaliger, in dieser Verkehrs-Form wohl nicht zu wiederholender Erfolg - und das erste Berliner Bücherfest sein krönender Abschluss: 70 000 Literaturliebhaber drängten in die Lesungen und an die Bücherstände, die vor allem kleineren Verlagen eine Plattform boten.

Was aber wird aus den zarten Banden des in großen Worten beschworenen neuen Netzwerkes, wenn das harte Geld fehlt? Werden Übersetzer in Europa nicht mehr am Hungertuch nagen? Schöngeistige Verlage nicht mehr von der kühlen Brise des Marktes umgeweht? Wird es parallel zur neuen europäischen Geo-Politik eine staatlich geförderte Geo-Poetik geben, wie sie die Express-Autoren auf dem symbolträchtigen Bebelplatz forderten? Am leichtesten dürfte sich der Wunsch nach einem einheitlichen europäischen Urheberrecht verwirklichen lassen. Aber wie in den Köpfen der Leser und Politiker den Gedanken verankern, dass Literatur, also radikal persönliche Texte, essenziell sind für die Selbstverständigung Europas - und nicht ein Luxus, den man sich nur in guten Zeiten leisten kann? Und die Selbstverständigung kennt immer noch Grenzen: Dem ukrainischen Autor Jurij Andruchowytsch fiel auf, dass im "Europa des Weines" (Portugal bis Luxemburg) und in der mitteleuropäischen "Bierzone" die Annäherung doch harmonischer verlief als in den Breiten und Weiten des östlichen Wodkas.

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