Kultur : Literaturfestival Berlin: Der Fluch der Unruhe

Helmut Böttiger

Wenn es einer beurteilen kann, dann der weit gereiste Lars Gustafsson. "Es muss schon eine Stadt wie Berlin sein", blinzelte er auf dem "Internationalen Literaturfestival Berlin", "damit die Leute morgens um 11 Uhr zu einer Lesung kommen." Größenwahn oder Metropolenrausch, die alte Frage stellte sich wieder einmal neu. Und wie immer lässt sich die Frage nicht abschließend beantworten. Wahrscheinlich, so ahnt man nach elf Tagen, ist sie falsch gestellt.

Die Sophiensäle in Mitte sind der ideale Ort für eine internationale Berlin-Suggestion. Sie stehen für eine Zwischenzeit, in der man den Verfall und das Abblättern noch einmal festhalten und als Lebens- und Kunstgefühl bannen kann. Ein nur mit wenigen innenarchitektonischen Raffinements versehenes Laboratorium der Zeitgeschichte: das Holz der hohen Fenster, das Metall der Seitenbalkone, der Backstein der Wände - alles schillert zwischen Grau und Schwarz, etwas Schmierig-Schmutziges, das eine Art Existenzialismus nach der Moderne ausdrückt. Der Lack an den Fenstern splittert. Nur oben an der Decke, die frühere Salonpracht zitiert, splittert der Lack etwas heller und festlicher. Diese Ästhetik des Verfalls ist wie ein Sinnbild, und die vielen ausländischen Schriftsteller, die zum ersten Mal in Berlin waren, zeigten sich davon beeindruckt. Im Wohnungsflügel bei den Sophiensälen sieht man neben einer der Klingeln das Namensschild derer, die einst hier angefangen haben und jetzt bei der Schaubühne sind; Sub- und Hochkultur, wie man es sich so vorstellt. Und die Wohnung drüber ist zum "Festival-Büro" umfunktioniert worden, mit dem altertümlichen Doppelbett zwischen Papierstapeln, Benutzeroberflächen und Aktenordnern; im Wohnzimmerschrank sieht man hinter den Glasscheiben weitere Kissen und Decken.

In Berlin liegen noch Reste von Geschichte brach, da gibt es überall noch flirrende Ränder und Nischen. Festival-Organisator Ulrich Schreiber hat für so etwas ein Gefühl. Und die vehemente Zustimmung, die er von Autoren wie Eliot Weinberger oder dem internationalen PEN-Präsidenten Homero Aridjis erfuhr, ist wohl eine Reaktion darauf. Schreiber fand viele Sponsoren, erhielt aber keine öffentlichen Subventionen. Es kamen einige große internationale Autoren, die vieles an Aufwand rechtfertigten - auch wenn es Absagen gab, auch wenn die Frage der Moderation und des Ablaufs nie restlos geklärt wurde, auch wenn die hemdsärmelige Improvisation nicht immer das schaffte, was wahrscheinlich intendiert war.

Es muss etwas mit dem "Festival"-Charakter zu tun haben, dass einige Lesungen erstaunlich viel Publikum anzogen. Und es war ein anderes Publikum als sonst bei literarischen Veranstaltungen: jünger, studentischer und nicht in erster Linie pflichtbewusst. Und das lag nicht nur daran, dass am späteren Abend Konzessionen an die gerade aktuellen Rap-Lyrik-Versuche gemacht wurden oder diverse Combos aufspielten. Selbst bei leisen Autoren wie Wilhelm Genazino, der trotz seiner Einfühlsamkeit und der unterschwelligen Suggestion mittlerweile oft als "schwierig" gilt, hörten mehrere Dutzend zu und fragten sogar nach.

Zu einem Ereignis wurde die Lesung von Antonio Tabucchi: Obwohl der Rahmen fast einem Popkonzert glich und die Zuhörer sich an den Balustraden drängelten, schien der Streifzug durch das "moderne" zwanzigste Jahrhundert, den Tabucchi essayistisch irrlichternd unternahm, genau das zu sein, was man hören wollte. Tabucchi, der selten auftritt, nahm den Faden der "Unruhe" auf, den er bei seinem portugiesischen Wahlverwandten Pessoa vorfand, und schuf ein Tableau von Autorenporträts, das in dieser beiläufigen Form jedes großangelegte Theoriegebäude ersetzte. Was bei Baudelaire anfing, im Bild der "Wolken", die vielleicht überhaupt den Beginn der Moderne markierten, sei heute unmissverständlich geworden: Die einzige Heimat der Dichter sei die Sprache, egal, aus welchem Land sie stammten. Merkwürdig, wie solch eine allgemein scheinende Aussage durch die subjektiv gesetzten Hinweise Tabucchis, durch seinen Hymnus auf Carlo Emilio Gadda oder kleine Bemerkungen zu Beckett oder Sigmund Freud plötzlich sehr konkret wurde.

Peter Esterhazy wurde ebenfalls gefeiert wie ein Star: Jede seiner pointierten Antworten im Moderatorengespräch wurde mit juchzendem Beifall bedacht, und seine beiden Lesungsabschnitte, die im klassischen Sinn habsburgisch-verschmitzt-doppelbödig waren, kamen daher wie hitverdächtige Single-Auskoppelungen und erzeugten dieselbe Wirkung. Selbst bei einer diffizilen, sich ganz in das Innere der Sprache vortastenden Lyrikerin wie Inger Christensen verblüffte das Umfeld des Auftritts: am letzten Tag im Berliner Ensemble, eine leise, fast scheue Lesung aus ihrem "Alphabet", sekundenlang schien es, sie sei völlig verloren auf der streng ausgeleuchteten Bühne - die vielleicht 50 Zuhörer verfolgten konzentriert die magischen Formeln der Dichterin ("die Aprikosenbäume gibt es ..."), das kaum noch hörbare "Dankeschön" am Schluss der Lesung - und dann plötzlich Ovationen. "Mehrere Vorhänge", dem Ideal des Veranstaltungsortes angemessen.

Ob Ulrich Schreiber diesen "Festival"-Effekt vorausgesehen hatte? Es ging vieles schief. Die bemühten Parallelen zur "Berlinale", die Undurchschaubarkeit der Strukturen, das Chaos der Abmachungen und internen Abläufe, über das sich manche der als "Paten" für die angereisten ausländischen Lesenden engagierten Berliner Autoren ziemlich erregten - alles wies auf einen Misserfolg hin. Die Kriterien für die Auswahl der Autoren waren ziemlich unklar, nicht jeder weißrussische Lyriker ist per se gut, und manch indischer oder afrikanischer Autor erfüllte eher exotische Reize, als dass sein literarisches Format erkennbar wurde. Das umfangreiche Kinder- und Jugendbuchprogramm war zumindest in den ersten Tagen ein Flop, die Zusammenarbeit mit Schulen mangelhaft. Schreiber hatte im Januar eine Anzeige aufgegeben, in der er "Mitarbeiter und Praktikanten" für das Literaturfestival suchte, 250 meldeten sich. Das war die organisatorische Basis.

Schreiber scheint es auf den Charme anzulegen, den seine Mischung aus Absolutheitsanspruch und anarchischem Gestus hat. Immer unterschätzt man ihn ein bisschen, und immer steht er gleichzeitig mit etablierten Kulturfunktionären und potenziellen Geldgebern auf auffällig vertrautem Fuß. Wie er am letzten Tag zwischen den langen Holztischen im Innenhof des "Berliner Ensembles" die Klezmerband im ersten Stock ankündigte, hatte etwas zwischen Provinz-Impresario und weltläufiger Souveränität. Inwieweit das kalkuliert ist, mag sein Geheimnis bleiben. Aber er hat einiges auf die Beine gestellt, was sich sehen lassen kann. Zur Beruhigung für einige alteingesessene Berliner Kulturverwalter sei Schreibers Bemerkung aus seiner Einführung zur letzten Lesung des Festivals, von Dzevad Karahasan aus Sarajewo, zitiert: Vor zwei Jahren ist die Idee aufgekommen, das zerbombte "Hotel Europa" in Sarajewo zu einem europäischen Kulturzentrum wieder aufzubauen. Schreiber sollte das organisieren. Eine Nachfrage bei den entscheidenden Stellen ergab, dass 29 Millionen Dollar nötig seien, um das Sheraton zu überbieten. Das nun hat auch Schreiber sich nicht zugetraut.

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