Literaturfestival Berlin: die Eröffnung : Schöner Glaube, starke Bilder

Von "nun ja" bis "großartig": Javier Marías und Navid Kermani bei der offiziellen Eröffnung des 15. Internationalen Literaturfestivals Berlin.

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Die Große Bühne des Festspielhauses.
Die Große Bühne des Festspielhauses.Foto: Hartwig Klappert

Wer an diesem Mittwochabend im Haus der Berliner Festspiele glaubt, auf der einzig wahren Eröffnungsveranstaltung des 15. Internationalen Literaturfestivals Berlin zu sein, wird spätestens bei den einleitenden Worten von Festivaldirektor Ulrich Schreiber eines Besseren belehrt. Nicht nur, dass sich eine Woche zuvor in der Philahrmonie der chinesische Künstler Ai Weiwei und der Schriftsteller Liao Yiwu im Rahmen des Festivals über die Verhältnisse in ihrem Land und das Exil austauschten. Nein, auch am Tag der Eröffnung und am Abend zuvor wurde schon „gearbeitet“, wie Schreiber das nennt, da hatte es zum Beispiel Veranstaltungen „zum Thema Flüchtlinge und Asylsuchende in Europa“ gegeben oder Premieren der neuen Bücher von Norman Ohler und Clemens J. Setz.
Aber das ist das Schöne und Sympathische an diesem Festival. Die Dinge sind hier ständig im Fluss, so wie eben alles, die Welt im Allgemeinen, die literarische im Besonderen. Als Besucher kann es einem da leicht passieren, hin und her gerissen zu sein, etwa zwischen Gesprächen, in denen es um „Krise und Sprache“ geht (Griechenland!) und Veranstaltungen wie dieser, in deren Zentrum die Arbeit kleiner, unabhängiger Verlage steht: „In jeweils 11 Minuten stellen 10 Verleger die Philosophie ihres Verlagsprogramms vor.“

Marías spricht vom "Filter der Phantasie"

Hin und her gerissen zwischen den Polen „Nun ja“ und „Großartig“ ist man dann auch bei dieser also lediglich offiziellen, die Form wahrenden Eröffnung, zu der man getrost die anschließende Premiere des neuen Buches des kommenden Friedenspreisträgers Navid Kermani zählen kann, „Ungläubiges Staunen. Über das Christentum“. Denn nach den obligaten, das weit gefasste Programm vorstellenden Grußworten von Festspiele-Intendant Thomas Oberender und Ulrich Schreiber folgt eine bestenfalls gefällige, in weiten Teilen eher schwache Eröffnunsgrede des spanischen Erfolgsschriftstellers Javier Marías über das Verhältnis von Fiktion und Wirklichkeit. Hübsch ist, wie Marias sich, so kennt man das von ihm, Abschweifungen leistet und Anekdoten aus dem Leben seiner Vorfahren zum Besten gibt, um damit seiner Schreibprämisse Ausdruck zu verleihen, „dass sich Wahres nur unter der eleganten, schamhaften Maske einer Erfindung erzählen lässt, weil sich derjenige, der erfindet oder dichtet (...) niemals den vulgären, bizarren Auflagen der Wirklichkeit beugen wird.“ Oder dass die „Herkunft des Materials“ keine Rolle spielen sollte oder der „Filter der Fantasie“ am Ende alles gleich macht. Nun denn, da zuckt es lediglich in Achseln und Schultern.
Nur gut, dass nicht viel später Navid Kermani mit seinem Moderator Andreas Isenschmid die große Bühne des Festspielhauses besteigt und als erstes ein Stück über die Liebe liest, der zwischen Jesus und Maria, ausgehend von El Grecos Gemälde „Der Abschied Christi von seiner Mutter.“ Kermani hat sich für sein Buch mit der christlichen Bildwelt und Kunst befasst, mit Bildern von Caravaggio, Botticelli, Bellini, Bosch oder Dürer, die er in den Museen Europas angeschaut und danach interpretiert und gewissermaßen gelesen hat. Ruck, zuck dreht sich das Gespräch mit Kermani um Liebe, um Nächsten- wie um Feindesliebe, um den Reichtum der Religionen, den er beschwört. Und auch darum, dass es ihm offenbar vor allem der Katholizismus angetan habe, was er damit kontert, dass sein Buch ein „extrem subjektives“ sei, er sich die Freiheit genommen habe, zu beschreiben, „was mich bewegt, irritiert oder hingerissen hat.“

„In meinem Leben hat Religion nichts mit Theorie zu tun, das ist ein Erlebnis.“, so Kermani

Erstaunlich ist, dass Kermani seine Bildbetrachtungen als durchaus literarisch versteht. Einmal sagt er, dieser Ich-Erzähler sei ein anderer als der aus seinem Großroman „Dein Name“, in den zuerst einige der ursprünglich für die „Neue Zürcher Zeitung“ entstandenen Bildansichten eingingen. Noch erstaunlicher und mitunter zwiespältig, weil nahe am Kitsch, ist, dass Kermani Religion vor allem als Kunstform begreift, er an diesem Abend häufig ihre Ästhetik, ihre Schönheit, das Bildungserlebnis als solches in den Mittelpunkt seiner Ausführungen stellt: „In meinem Leben hat Religion nichts mit Theorie zu tun, das ist ein Erlebnis.“ Wohl wissend, dass das natürlich problematisch ist, dass beispielsweise der ganze katholische Zauber nicht einfach so seiner Bedeutungsebenen beraubt und auf das rein Ästhetische reduziert werden kann, verweist Kermani ein ums andere Mal auf das Politische der religiösen Schönheit, des Spaßes und der Freude, die er an der Religion hat, gerade vor dem Hintergrund der Bilderstürmerei und des Zerstörungsfurors des IS.


Am Ende widmet sich Kermani einem Bild von Giotto, dem Kuss zweier alter Menschen, der Begegnung von Joachim und Anna.Um die Lust geht es ihm da, die er, aufgewachsen im protestantischen, „bibelfesten“ Siegen, nie mit dem Christentum in Verbindung gebracht hatte. Nicht zuletzt auch, weil „die Klassenkameraden, die in der Pause die Bibel lasen“, nicht die coolsten waren und „Bundfalten und gestreifte Blusen“ trugen.
Wo Kermani da wohl gelebt hat? Mitschüler, die die Bibel lasen in der Pause? In den achtziger Jahren? War das wirklich so oder ist das schon Literatur? Das Beeindruckende an dem Gelehrten und Schriftsteller Navid Kermani ist, dass er immer zu denken gibt.

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