Literaturfestival Berlin : Syrien: Schreien statt schweigen

Syrien muss sich vom Terror befreien. Und der Westen kann helfen. Ein poetischer Appell zum Literaturfestival / Von Hala Mohammad.

Es war einmal, gerade erst, ein Volk. Das syrische Volk. Es lebte in einem Land namens Syrien, dieses lag am Mittelmeer, in Richtung Sonnenaufgang. Hier entstand das erste Alphabet, und der Rhythmus seiner Zivilisation war ein Mosaik aus Sprachen, Religionen und Volksstämmen, die das Land durchzogen und seine Geografie und seine Geschichte prägten. Nach 45 Jahren Tyrannei und Einparteien- und Einpersonenherrschaft wollte Syrien seine Tore öffnen und das verstummte Wort befreien. Doch aus dem Wort flossen Schmerz und Ströme von Blut.

Im März 2011 öffneten überall in Syrien Millionen junger Männer und Frauen ihre Türen. Zum ersten Mal drängten sie auf die Straßen hinaus, und auf friedlichen Demonstrationen riefen sie aus voller Brust: Freiheit! Sie waren und sie sind mit nichts bewaffnet als dem Wort. Das Regime eröffnete das Feuer. Es schoss mit Gewehren, Geschützen, Raketen, Panzern und Flugzeugen und bombardierte friedlich schlafende Bürger mit Giftgas. 200.000 Menschen verstummten, getötet von einer höllischen Kriegsmaschine, 200.000 andere kamen in Haft, und 100.000 wurden wahrscheinlich zu Tode gefoltert. Acht Millionen wurden in Syrien oder im Ausland zu Vertriebenen. Die noch leben, erzählen die Geschichte.

Es war einmal: Das syrische Regime holte Verbündete zu Hilfe. Die Tyrannen Russlands und die Theokraten Irans. Und es nutzte das Schweigen der Weltgemeinschaft zu seinen Massakern. Ein Schweigen, als sei Syrien nicht von dieser Welt. Das Regime holte mit Hilfe seines Sicherheitsapparates, der die Revolution ersticken sollte, islamistische Extremisten von Al Qaida und Konsorten ins Land oder ließ sie aus den Gefängnissen frei, denn die zivilisierte Welt sollte glauben, dass es Terroristen bekämpfe. Regime und Terroristen gingen Hand in Hand, beide machten sie den Syrern das Leben zur Hölle, um die Stimme der Freiheit verstummen zu lassen. Die demokratische Welt schwieg zu den Massakern.

Unterdessen führten die Syrer ihre friedliche Revolution mit kreativen Mitteln weiter. Mit Bildern, Fotos und Filmen, mit Gedichten, Romanen, Gesang und Musik, mit Malerei und Theater. Sie bestanden auf einer Kultur des Lebens im Angesicht einer Kultur des Mordens.

Wie mit einem riesigen Radiergummi werden die Spuren des Lebens getilgt, als hätte es die Syrer, die getötet, verhaftet oder vertrieben wurden, nie gegeben. Immer wenn die friedliche Revolution zur Einheit des Volkes aufruft und einen zivilen, nichtreligiösen und nichtmilitärischen Staat fordert, greifen das Regime und die Extremisten zu brutalster Gewalt und zwingen die Syrer in die Düsterkeit eines Krieges, der sie im Wortsinne vergewaltigt und den sie nur verlieren können. Das Regime weckte den Konfessionalismus, der im Schoß der nationalen Einheit geschlafen hatte. Unsere Einheit ist der zivile Schatz der Bevölkerung. Seit Anbeginn unserer Geschichte und dem ersten Moment unserer Revolution hallte es durch die Straßen: „Eins, eins, eins – das syrische Volk ist eins!“ Und: „Stoppt das Morden – wir wollen ein Land für alle Syrer!“

Die Regimepresse stürzte sich auf die immer mehr und immer stärker werdenden Extremisten. Mit Kriegsbewaffnung kommen sie nach Syrien, finanziert aus arabischen und anderen Staaten, besetzen Gebiete und unterwerfen deren Bewohner einer religiös verbrämten Tyrannei.

Die Demonstranten appellierten an die demokratische Welt, sie tun es noch immer. Die Syrer haben nie verstanden, wie diese demokratische Welt Tag für Tag die Geschichte unseres täglichen angekündigten Todes aus seinen Annalen, Nachrichten und Wörterbüchern streicht. Wie kann diese Welt übersehen, dass unsere Fenster weit geöffnet sind für Freiheit und Sympathie, dass die Syrer Mut und Würde haben und Frieden wollen?

Es war einmal. Es war gerade erst. Eine Belagerung. Ein Volk will in Würde leben. Es will die Freilassung von politischen Gefangenen aus den Knästen von Assad und den Knästen der Islamisten erreichen, die Rückkehr der Flüchtlinge, der Exilierten, der Vertriebenen. Es will die religiösen und die militärischen Besatzer verjagen.

Ihr Freien der Welt: Schreit gegen das Schweigen an, mit dem Syrien Tag für Tag und in diesem Augenblick verwüstet wird! Gegen das Schweigen, das Syrien erstickt und seiner Würde beraubt. Die Welt darf nicht zum Komplizen werden. Schreit, um das Massaker zu stoppen! Schreit mit uns, damit die Gerechtigkeit erwacht! Wir glauben an die Kraft des freien Wortes. Schreit, damit Syrien wieder Geschichten im Mondlicht erzählen kann. Und schreit, damit wir wieder gemeinsam erzählen können.

Hala Mohammad, in der syrischen Hafenstadt Latakia geboren, lebt als Dokumentarfilmerin und Lyrikerin in Paris. Sie liest bei der Poetry Night des Berliner Literaturfestivals am heutigen Freitag, 12. September, um 19.30 Uhr im Haus der Berliner Festspiele. Ihren Appell hat Günther Orth aus dem Arabischen übersetzt.

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