Literaturfestival in Ascona : Die Zukunft der Dinosaurier

Diskutieren über ein Leben ohne Utopie: Herta Müller, Péter Nádas und Klaus Wagenbach auf dem Monte Verità.

von
Das einfache Leben. Hauptgebäude auf dem Monte Verità, um 1920.
Das einfache Leben. Hauptgebäude auf dem Monte Verità, um 1920.Foto: picture alliance / dpa

Nirgendwo liegen blanker Hohn und große Hoffnung so dicht beieinander wie auf dem Feld der Utopie. Es ist ein Schlachtfeld. Das 20. Jahrhundert gleicht einer Utopievernichtungsmaschine. Sozialismus und Kommunismus haben sich blutig desavouiert, und das 21. Jahrhundert macht munter weiter mit dem Erweckungs- und Zerstörungswerk: Es genügt ein Blick auf jene in die Diktatur zurückgefallenen Länder, die vor kurzem noch mit ihrer „Arabellion“ begeisterten. Aber muss Utopie immer politisch sein, muss sie ein neues gesellschaftliches System imaginieren, erzwingen?

Der Umsturz beginnt damit, wie der Mensch sich kleidet (oder auch nicht), was er isst und was nicht, wie er wohnt, wie er liebt. Auf dem Monte Verità haben praktische Träumer auf diese Fragen Antworten gefunden. Hier siedelten ab dem Jahr 1900 Vegetarier, Nudisten, Anarchisten, Spiritisten, Schöpfer von sexgetriebenen Privatreligionen, Pädophile, es gab alles, was das Herz eines Aussteigers begehrt. Damals begann die Aufsplitterung der Existenz in utopische Nischen. Der Hügel über dem Lago Maggiore war vor dem Ersten Weltkrieg Heimat des Gedankens künstlerischer Kollektive. Mit Rudolf von Laban, Mary Wigman und Isadora Duncan sprang der Ausdruckstanz in die Welt; Pina Bausch und Sasha Waltz haben im Tessin Wurzeln. Und wie später beim „Summer of Love“ in San Francisco und in Woodstock standen auf dem „Berg der Wahrheit“ Spinner und Spanner, Gurus und Geschäftemacher Schlange. Utopie und Kommerz, die gesamte esoterische und expressive Palette, der Gipfel der Selbstverwirklichung: Wieder treffen sich Hohn und Hoffnung.

Der Name Monte Verità hat seit den fernen Tagen der frühen Hippies noch immer einen magischen Klang. In dem Bauhaus-Hotel, das der Bankier Eduard von der Heydt 1929 errichten ließ, gibt es wissenschaftliche Kongresse und jetzt auch wieder verstärkt Kulturelles. Die zweite Ausgabe der „Eventi Letterari Monte Verità“ beschwor „Utopien und Dämonen“. Es geht in Ascona nicht ohne das U-Wort, so wie man sich die Schweiz nicht ohne Alpen denken kann.

Unten im Ort hat im Castello San Materno ein neues, kleines Museum eröffnet, die Stiftung Alten, mit Werken von Macke, Nolde, Jawlensky, Liebermann. Paula Modersohn Becker und Otto Modersohn zeigen die Verbindung nach Worpswede. Festivalleiter Joachim Sartorius hatte Schriftsteller mit osteuropäischer Biografie nach Ascona eingeladen, was in der Tradition des Berges liegt, der eigentlich ein Hügel ist. Von Utopie wollen sie nichts wissen. Das Wort ist ideologisch verdorben.

Herta Müller, die Nobelpreisträgerin, lässt nur das Adjektiv gelten – utopisch. Also: Etwas funktioniert nicht. Der Sozialismus zum Beispiel: „Ich brauche auch keine andere Utopie. Jeder kann nur auf seine Art glücklich sein. Man kann das Glück des Volkes nicht programmieren.“ Herta Müller spricht, wie sie schreibt. Sie schreibt, wie sie spricht. Wenn sie sagt: „Wenn Diktatoren träumen, wird es schrecklich“, glaubt man ein Buch in der Hand zu halten – mit diesem Titel. Es ist das Thema wenn nicht aller ihrer Bücher.

Der Ungar Péter Nádas sieht es nicht anders, „geboren in einer faschistischen Utopie, aufgewachsen in einer kommunistischen.“ Der Autor der „Parallelgeschichten“ und des „Buchs der Erinnerung“ sagt: „Von Utopien bin ich geheilt, für immer. Leider.“ Durs Grünbein verbrachte seine Kindheit in Hellerau, der Künstlerkolonie bei Dresden, einer utopischen Gründung zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Auch zwischen Hellerau und dem Monte Verità waren Fäden geknüpft. Grünbein hat das Graue aller Realität in seinen frühen Poemen über die DDR schlagend beschrieben. Er empfindet Utopie als „Planung von Verlust, von Einschränkung, Umerziehung, Gewalt.“

Dämonen müssen nicht unbedingt böse sein. Sie sind der Antrieb im Menschen, wenn auch manchmal zu stark, zu wild. In Wahrheit war der Monte Verità stets der Berg der Dämonen. Und ein Hort des hohen Worts. Hier wurde die Welt gerettet, verändert, beseelt. Bis der Erste Weltkrieg kam. Und dann wieder von vorn: Mystik, Kunst, Befreiungsriten, was von Anfang an mit Tourismus einherging. Heute nennt man es Wellness.

„Wir müssen uns an die Geschichte gleichzeitig erinnern und sie vergessen“, sagt die polnische Schriftstellerin Joanna Bator, deren Heldinnen sich hart aus dem real existierenden Mief und Druck herausarbeiten. Der Monte Verità als Ort der Ernüchterung, bei herrlichstem Frühlingswetter? Dabei liegen die Utopien so nah. Die Architekten Vittorio Gregotti (Italien) und Mario Botta (Schweiz) redeten das Publikum schwindelig über die Visionen und die Wirklichkeit der „idealen Stadt“. Beide haben in China gearbeitet und im arabischen Raum, sie gehören zu den Stars des internationalen Bauens – und finden sich am Ende am besten wieder in der traditionellen Stadtanlage Europas, im Zweifel Italiens.

Botta und Gregotti pflegen den hohen Ton, aus dem einmal der Berg entstand und immer wieder neu erbaut wurde; die feurige Amtssprache der Alternativen von Ascona. Doch was soll schlecht sein an der Idee, dass die Utopie der Stadt in der Vergangenheit liegt und nicht in Mega-Konglomeraten von absolut gesichtsloser Funktionalität? Und gilt nicht Ähnliches für Bücher?

Auftritt Inge Feltrinelli und Klaus Wagenbach. Beide Jahrgang 1930. Der Wagenbach Verlag feiert dieses Jahr seinen 50. Geburtstag, sein Gründer wird auf dem Monte Verità mit dem Enrico Filippini-Preis ausgezeichnet. Der Namensgeber war Lektor und hat viel für die deutschsprachige Literatur in Italien getan. Wagenbach hat wahrscheinlich noch mehr für die italienische Literatur im deutschsprachigen Raum getan. Feltrinelli nennt ihn „einen der letzten großen Verleger auf der Welt, einen Dinosaurier“, den drei Dinge auszeichnen: „Anarchie, Geschichtsbewusstsein, Hedonismus.“

Klaus Wagenbach bedankt sich mit ein paar hedonistischen Erinnerungen an die wilden Zeiten im Tessin und in Berlin, und allmählich dämmert es: Mit „Wahrheit“ hat das alles nichts zu tun, das Büchermachen ist die wahre Utopie. Und die Bücher füllen sich mit den Geschichten vom Wahnsinn, der im Namen der Utopie verbrochen wird.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben