Literaturfestival : Mit den Blumen kommt der Tod

Internationales Literaturfestival Berlin: Die mexikanische Autorin Sabina Berman plädiert für eine neue Drogenpolitik. In Berlin präsentierte sie nun ihren Film "Das Paradies der Mörder", den sie in der von der Drogendealern umkämpften Stadt mexikanischen Ciudad Juarez drehte - unter Bedrohungen der Mafia.

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Der Tag, als Connie Kramer starb, von dem Juliane Werding 1972 sang, gehört in eine Zeit, in der das sogenannte Drogenproblem noch mitten in den zivilisierten Gesellschaften Unruhe schuf und die amerikanische Regierung unter Richard Nixon zum weltweiten Krieg gegen die Drogen aufrief. Vierzig Jahre später erklärt die internationale Drogenkommission diesen Krieg, der verheerende Folgen hatte, für endgültig gescheitert und fordert die Entkriminalisierung der Konsumenten. Diese sind nämlich aus dem Zentrum an den Rand des aufgeklärten Bewusstseins gerückt – so wie der „War on Drugs“ an die geografische Peripherie der Erde: Lateinamerika, Westafrika und Afghanistan.

121 000 Tote, beklagt die mexikanische Autorin und Filmemacherin Sabina Berman, habe der Drogenkrieg im vergangenen Jahr allein in Mexiko gefordert. Wie man sich solche unfassbaren Dimensionen konkret vorzustellen hat, konnte man im Rahmen des Internationalen Literaturfestivals in ihrem Film „Das Paradies der Mörder“ (2011) sehen. Der Film spielt in der von der Drogenmafia heißumkämpften Grenzstadt Ciudad Juarez. Um Sabina Berman und ihr Team einzuschüchtern, wurden den Mitarbeitern während der Dreharbeiten immer wieder weiße Blumensträuße ins Hotel geschickt, an denen die Fotos der kürzlich geköpften Menschen hingen.

Auch Mörder haben ihre Ästhetik. „Mein Geschäft sind nicht die Drogen, mein Geschäft ist der Tod“, soll der berühmte Patron Pablo Escobar seinem Biografen erzählt haben.

Zusammen mit ihrer kolumbianischen Autorenkollegin Laura Restrepo verdunkelte Sabina Berman den sonnigen Sonntagvormittag mit beklemmenden Berichten über das lateinamerikanische Drogenfiasko. Sie handeln von einem mexikanischen Präsidenten, der wirklich glaubt, mit den Köpfen der Mafia sei auch das Problem beseitigt; von einer völlig korrupten Polizei und von erpressbaren Politikern; von den USA, die an diesem Wachstumsmarkt durch die Exporte von Waffen und anderen Dingen sehr gut verdienen. Und von einer Bevölkerung, die unter den fortwährenden Gewaltexzessen leidet und ihnen hilflos ausgeliefert ist. Die Folge sei, beklagte Laura Restrepo, dass durch diesen Krieg auch alle zivilgesellschaftlichen Strukturen zerstört würden. In Kolumbien seien allein 400 Journalisten, die über diese Themen recherchierten, umgebracht worden. In den Massengräbern fänden sich die von der Mafia verfolgten Aids-Kranken. Und die an den abgefischten Küsten perspektivlos gewordenen Fischer würden nun die von den Hubschraubern abgeworfenen Kokain-Pakete auffischen.

Einig sind sich Sabina Berman und Laura Restrepo darin, dass der Drogenhandel nichts weiter als der auf die Spitze getriebene Kapitalismus ist und bis in die seriösesten Schweizer Banken reiche. Drogengeld speist ganz wesentlich die internationalen Finanzströme. Und es gibt mächtige Interessen, die verhindern, dass Drogen nicht einfach nur als normales Agrarprodukt angebaut und gehandelt werden.

„Wir wollen sein wir ihr!“, proklamierte Sabina Berman leidenschaftlich. Sie meint damit die vor allem in Europa mittlerweile niedrigschwellige Verfolgung von Drogendelikten. Die Frage nach der Moral sei irrelevant angesichts des mörderischen Krieges, der endlich beendet werden müsse. Diese Auffassung setzt sich mittlerweile auch in der internationalen Drogenpolitik durch. Komplexe Probleme wie Drogenkriminalität, so die Erfahrung des ehemaligen Chefs von Europol, Max-Peter Ratzel, lassen sich nicht mit militärischen Mitteln lösen. Nicht viel anders sieht das die ehemalige Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marion Caspers-Merk: Drogenkonsum sollte endlich entkriminalisiert werden. Offenbar muss man aber die aktive Berufslaufbahn schon hinter sich haben, um solche Auffassungen zu vertreten. Ulrike Baureithel

Sabina Berman liest heute, am Dienstag, 11.9, aus ihrem neueen Roman „Über eine autistische Erfolgsfrau“, 19.30 Uhr, Instituto Cervantes

Am Anfang steht ein Witz. Und am Ende dieser amüsanten, bewegenden, poetischen, unspektakulären anderthalb Stunden, in denen uns die drei Frauen Lin (Großmutter), Clara (Mutter) und Rahel (Enkelin) ans Herz gewachsen sind, am Ende – da steht auch ein Witz: Wie telefoniert ein schlauer Jude mit einem dummen Juden? Von Amerika nach Europa!

Die Box des Deutschen Theaters Berlin steht voller alter Möbel; darauf turnen die drei Jüdinnen herum und verstecken sich darin. Marianna Salzmanns „Muttersprache Mameloschn“ spielt irgendwo in Deutschland in einer diffusen Jetztzeit, wobei die drei vor allem in der Vergangenheit oder der Zukunft leben. Lin (bodenständig und mit dem Schalk im Nacken: Gabriele Heinz), eine KZ-Überlebende, ging nach dem Krieg als Kommunistin in die DDR und avancierte dort zur Sängerin und Vorzeigejüdin (Salzmann orientierte sich an der realen Figur Lin Jaldati). Sie träumt noch immer von ihren Auftritten als Kabarettistin und der Glut ihrer politischen Überzeugungen. Für Clara, die Tochter (wunderbar hysterisch: Anita Vulesica), bedeuten Judentum und Sozialismus aber vor allem eins: die Abwesenheit der Mutter. Clara wohnt noch ganz in der Wut auf Lin. Und in der Sorge, nach dem Sohn (er ging ins Kibbuz und meldet sich nicht) nun auch Tochter Rahel (zwischen Ironie, Aufbruchseuphorie und Genervter-Tochter-Apathie: Natalia Belitski) zu verlieren. Die will zum Studium ins ferne New York und ist lesbisch, was dem Rest der Familie noch vermittelt werden muss. Die Enkelin hat vom Judentum nur noch eine ungefähre Vorstellung, weshalb sie vor allem Witze erzählt.

Die Witz-Ebene ermöglicht es der jungen Dramatikerin, mit jüdischen Stereotypen und folkloristischen Elementen zu spielen – Mameloschn heißt Muttersprache –, um gleichzeitig in collagenhaften Splittern von der Not dreier Leben und den unterschwelligen Prägungen zu erzählen, die von Generation zu Generation weitergegeben werden oder auch mal eine überspringen. Mit welch geschickter Einfachheit sie dabei vorgeht, zeigt das Beispiel von Clara. Sie hat am wenigsten mit dem Judentum am Hut und bekommt einen Wutanfall, als Rahel von der Oma wissen will, wie man eine Küche koscher hält, klammert aber genau so, wie es einer jüdischen Mamme gern unterstellt wird. Die zurückhaltende Regie von Brit Bartkowiak (nur die Möbel werden etwas zu ausgiebig verrückt) hält die glückliche Balance zwischen Traum- und Erinnerungssequenzen und komödiantisch knallenden Konflikten. Andreas Schäfer

Box des Deutschen Theaters, wieder am 22. und 25. September

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