Literaturfestival : Suleika und ihre Freundinnen

Das Internationale Literaturfestival präsentiert 200 Autoren aus allen Kontinenten

Gregor Dotzauer

Physisch kam Goethe nur bis nach Sizilien, allein in Gedanken reiste er auch in den Orient. Aber wer würde behaupten, dass die „Italienische Reise“ deshalb intensiver erlebt sei als der „West-östliche Divan“, der im Bann von Versen des persischen Dichters Hafis entstand? Man könnte glatt das Umgekehrte behaupten. Die Lektüre prägte seine Wahrnehmung mehr als die Anschauung der Wirklichkeit. Ja, unter dem Einfluss von Hafis erkannte er in seiner Freundin Marianne von Willemer eine Suleika – wörtlich: eine Verführerin.

Wenn am heutigen Mittwoch das Internationale Literaturfestival Berlin mit einem Schwerpunkt zur arabischen Welt (mitsamt einigen persischen Ausblicken nach Teheran) eröffnet wird, dürfte von den natürlichen Beschränkungen und Beschwernissen des Reisens kaum noch die Rede sein – eher von einer staunenswerten Weltläufigkeit, die allerdings auch immer wieder von den Verhältnissen erzwungen wurde. Wie selbstverständlich gehört eine Ausbildung im Ausland zu vielen Biografien. Die Dichterin Nuhum Al-Ghanem, 1962 in Dubai geboren, hat in Australien Media Production studiert, bevor sie in ihre Heimat zurückkehrt. Ihre syrische Kollegin Hala Mohammed, die heute in Damaskus zu Hause ist, lernte in Paris das Handwerk des Filmens und dreht unter anderem Dokumentarfilme für den Fernsehsender Al-Jazeera. Wie oft liest man aber auch von kleinen Fluchten in arabische Nachbarländer – oder vom europäischen Exil. Die Diskussion über „Irakische Literatur und Exil“ (12.9., 13 Uhr, Heinrich-Böll-Stiftung) mit dem oben abgedruckten Ali Bader und dem in Berlin lebenden Abbas Khider ist nur ein Beispiel für die Gewalt, die mal mehr, mal weniger subtil, an arabischen Lebenswegen rüttelt – und sich auch in einer Art Gefangenschaft äußern kann. Davon könnten bei den „Palästinensischen Sehnsüchten“ (11.9., 19.30 Uhr, HdBF) die Erzähler Ala Hlehel und Mahmoud Shukair berichten.

Warum trauen wir, mehr als anderen Künsten, überhaupt ausgerechnet der Literatur zu, uns über andere Kulturen Auskunft zu geben? Die simple Antwort lautet: Weil sie Geschichten erzählt, mit denen wir unser eigenes Leben in Beziehung setzen. Aber das leisten auch Filme – und auf andere Weise Reportagen. Sobald es um gebundene Sprache geht, und die arabische Literatur ist undenkbar ohne die Lyrik, wie „Die Nacht der arabischen Poesie“ (11.9., 20 Uhr, Humboldtforum im Lustgarten) zeigen wird, kommt man damit an Erklärungsgrenzen.

Mit dem Lesen und Hören von Gedichten verbindet sich offenbar selbst in der Übersetzung die Hoffnung, etwas von den Eigenheiten der fremden Sprache und der Mentalität zu begreifen, die sie transportiert – und in letzter Konsequenz vielleicht etwas von dem zu erhaschen, was sich durch sie hindurch sagen und semantisch nicht mehr fixieren lässt.

Das Literaturfestival, das seine Neugier seit sieben Jahren immer wieder auf die arabische Welt richtet, präsentiert seine Gäste also in einer doppelten Funktion. Als Intellektuelle äußern sie sie sich in Diskussionen zu politischen und kulturpolitischen Fragen, als Schriftsteller delegieren sie ihre Sicht der Dinge an die vielfältigen Formen der Fiktion – und das nicht selten in west-östlicher Doppelperspektive, Ob „Der westliche Blick auf die arabische Welt“ im allgemeinen untersucht wird (11.9., 21 Uhr, HdBF) oder der „Begriff der Sicherheit in der westlichen und der arabischen Welt“ (10.9., 18 Uhr, HdBF), ob über „Macht und Kultur“ reflektiert wird (12.9., 16.30 Uhr, HdBF) oder unter dem Motto „Was kommt rüber?“ über die „Wege der Literaturvermittlung“ (12.9., 13 Uhr, HdBF) – Festivalleiter Ulrich Schreiber rechnet nicht damit, dass nur Spezialisten im Publikum sitzen. Er träumt davon, ein Interesse zu entfachen, das nicht sogleich wieder verpufft.

Wer nach soviel Orient Lust auf den guten alten Okzident verspürt, darf mit hohem Besuch rechnen. Aus den USA kommt der brillante Romancier Colum McCann (19.9., 18 Uhr, HdBF). Pech nur, dass zur selben Zeit am selben Ort auch Siegfried Lenz aus seiner „Schweigeminute“ liest. Gregor Dotzauer

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