Literaturfestival : Zwischen Bombay und Alexandria

Zum Start des Berliner Literaturfestivals "Avatar - Asiens Erzähler“. Ein Gespräch mit Ranjit Hoskoté.

Ranjit Hoskoté
Ranjit Hoskoté. -Foto: Ilija Trojanow

Mr. Hoskoté, als weltreisender Autor, Intellektueller, Kurator und Kritiker nehmen Sie in einem Essay programmatisch die „Position des Nomaden“ ein. Was für ein Ort ist Berlin auf Ihrer Landkarte?

In Deutschland leben für mich wichtige Freunde. Außerdem habe ich die Sprache studiert, kann sie zumindest lesen. In Berlin bin ich nun etwa zum zehnten Mal seit Anfang der neunziger Jahre.

Gibt es einen Ort in der Stadt, der Sie besonders anzieht?

Ich habe einen bizarren Lieblingsplatz, den ich jedes Mal aufsuche, wenn ich nach Berlin komme: die beiden Großväter im Park zwischen Nikolaiviertel, Fernsehturm und Palast der Republik …

… das Marx-Engels-Denkmal. Wer sind Sie, wenn Sie in Berlin sind?

In gewisser Hinsicht bin ich Pilger einer linken Utopie. Ich war nie Kommunist. Meine Sympathie gehört dem Anarchismus. Das Sowjetreich war ein Unterdrückungsregime und sein Zusammenbruch keine Tragödie. Was mich aber beschäftigt, sind die Menschen, die von den zusammengebrochenen Imperien zurückgelassen werden. Das gilt für den ganzen Osten: Kapitalismus ist ein großer Traum, aber mit enormen sozialen Kosten. Auch Wiedervereinigung ist ein wunderbarer Traum, dem die Menschen von Südasien bis Korea anhängen. Aber wenn mehrere Teile zusammenkommen, bleibt am Ende doch immer nur einer der Gewinner, der die Ressourcen kontrolliert – und die Erinnerung.

In Berlin sind Sie ein Pilger dieser linken Utopie. Wer sind Sie in Bombay?

Auch kein kompletter Insider! Ich wurde zwar dort geboren, aber meine Eltern zogen kurz darauf nach Goa. Die Portugiesen waren erst zehn Jahre zuvor abgezogen, viele Leute sprachen noch portugiesisch, die gesamte öffentliche Kultur war sehr südeuropäisch. Nach sieben Jahren kamen wir zurück nach Bombay. Seither gehöre ich nicht nur einem Ort an. Eine Erfahrung, die mich gelehrt hat: Wir alle beerben eine Vielzahl von Vorfahren.

Dies ist zugleich eine zentrale These Ihres Buches „Kampfabsage“, das Sie gemeinsam mit Ilija Trojanow verfasst haben – auch als Gegenentwurf zu Samuel P. Huntingtons „Kampf der Kulturen“.

Die kulturelle Geografie unserer Gesellschaften sollten wir nicht in Atlanten des Ausschlusses, sondern in Atlanten der Migration von Werten und Ideen zeichnen. Das gilt auch für die völlig verfehlte Debatte um die „Festung Europa“. Europas Herkunft ist die Begegnung und Befruchtung mit anderen Kulturen.

Ist Europa ihrer Ansicht nach besonders intolerant gegenüber anderen Kulturen?

Leider ja. Europa ist doppelt exklusiv. Positiv in seiner Rolle als politisches und kulturelles Zentrum der Welt, ungeachtet der USA. Und negativ, indem es eine extrem enge Vorstellung davon besitzt, was europäisch ist. Das christliche Europa will heute immer weniger wissen von seinem jahrhundertelangen Austausch mit der arabischen Kultur. Es waren arabisch-muslimische Denker wie Sina und Rushd, die den Sieg des kritischen Rationalismus über die fundamentalistische Bigotterie vorbereiteten. Mönche und Gelehrte brachten diese Erfahrungen aus der islamischen Welt nach Paris, bevor sie von dort aus weiter verbreitet wurden. Das sind bedeutsame Migrationen von Ideen – und zugleich Europas Ursprünge.

„Kampfabsage“ nennt Bush und Osama bin Laden „Zwillinge des Terrors“, da beide blind für Vielfalt seien. Ist das nicht zu grob gedacht?

Unser Buch ist eine bewusste Stilcollage: von der kulturgeschichtlichen Abhandlung über die utopische Fantasie bis hin zum politischen Kommentar; die Polemik ist nur eine unter mehreren Stimme.

Den Negativbeispielen stellen Sie im Buch den symbolischen Ort Alexandria gegenüber. Ein neues Utopia?

Die Hafenstadt Alexandria ist ein archetypisches Bild des Zusammenfließens. Ich verstehe Alexandria als utopische Praxis, die jeder vollziehen kann. Herauszufinden, was das Andere ist – das ist der Traum von Alexandria.

Im Rahmen des Festivals „ReAsia“ stellen Sie in Berlin Ihre Interpretation des indischen Nationalepos „Ramayana“ vor. Was ist das Besondere daran?

„Ramayana“ ist ein klassischer Mythos. Er handelt vom Prinzen Rama, der für lange Zeit verbannt wird, am Ende aber doch Krone und Frau bekommt. In Indien gilt es als das große Hindu-Epos. Aber es gehört nicht nur einer Religion oder einem Land.

Wie meinen Sie das?

Das Rama-Epos ist nach ganz Südostasien ausgewandert. Es existiert heute in rund zehn lebenden Versionen. In Indonesien haben es Muslime in die Tradition des Puppentheaters aufgenommen, in Thailand wurden buddhistische Figuren eingewoben. Dieser Bewegung geht mein Text nach; Rama ist bei mir ein Reisender. Auch um ihn der indischen Rechten samt ihren militaristischen Gesellschaftskonzepten zu entführen, die aus dieser wunderbaren mythischen Figur einen kriegerischen Posterboy à la Arnold Schwarzenegger machen wollen.Das Gespräch führte Thomas Wild.

Ranjit Hoskoté, 1969 in Bombay geboren, hat im Blessing Verlag mit Ilija Trojanow den Essay Kampfabsage veröffentlicht. Bei

Hanser liegen seine Gedichte „Die Ankunft der Vögel“ vor.

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