Literaturgeschichte : Verdrängt, doch nicht vergessen

Letzte Seiten aus dem Nachlass: Der Schriftsteller Horst Bienek erinnert sich an seine Lagererfahrungen im sowjetischen Workuta

Hannes Schwenger

„Warum?“, 1949 in der DDR-Zeitschrift „Ost und West“ von Alfred Kantorowicz gedruckt, hieß die erste Erzählung von Horst Bienek, bevor ihn die Stasi 1951 verhaftete und den Sowjets überstellte. Ein russisches Militärgericht verurteilte ihn in 20 Minuten zu 20 Jahren Arbeitslager – in Workuta nördlich des Polarkreises. Warum, scheint damals niemand gefragt zu haben. Weder Kantorowicz, in dessen „Deutschem Tagebuch“ der Fall Bienek nicht erwähnt wird, noch Bertolt Brecht, zu dessen Schülern Bienek mit seinen Freunden Heiner Müller, Martin Pohl und Günter Kunert zählte. Auch nicht Johannes R. Becher, dessen Kulturbund Bienek und Christa Reinig 1948 mit einem Literaturpreis für junge Autoren ausgezeichnet hatte. Helene Weigel soll sich noch empört haben: „Man verhaftet doch bei uns nicht so einfach unschuldige Leute.“

Erst 1955 konnte Bienek Dank einer Amnestie nach Deutschland zurückkehren – in die Bundesrepublik, wo auch Kantorowicz, Reinig und Martin Pohl inzwischen lebten. Für Pohl hatte sich Brecht immerhin eingesetzt, vermutlich weil er nicht bei den Sowjets einsaß; die waren selbst für Interventionen eines Brecht oder Becher unerreichbar.

Dass und warum Horst Bienek unschuldig verurteilt und nach Workuta verschleppt wurde, wissen wir erst seit 1994 aus offizieller russischer Quelle: In einem Aufhebungsbeschluss der Obersten Militärstaatsanwaltschaft von 1994 wird bestätigt, dass weder die Übergabe eines damals frei erhältlichen Adressbuchs von Potsdam an einen westberliner Bekannten noch der Besitz von westberliner Zeitungen das wegen angeblicher Spionage ergangene Urteil rechtfertigen konnten. Damit war Bienek als „Opfer politischer Repression“ rehabilitiert. Er hat es nicht mehr erlebt, denn er starb am 7. Dezember 1990 in München.

Bieneks Kollegen in der alten Bundesrepublik müssen sich fragen lassen, warum ihn dort seine Haft- und Lagererlebnisse wie ein Stigma verfolgten, so dass er sie in seinem ersten Buch im Westen, dem „Traumbuch eines Gefangenen“, und dem Roman „Die Zelle“ in eine ortlose Traumwelt und zeitlose Metapher transponierte. War es nur ein Freud‘scher Druckfehler, dass selbst der Verlag in seinem biografischen Klappentext das Lager Workuta zu „Worzuta“ verfremdete?

Für die Linke unter den bundesdeutschen Autoren und ihre Verbandsvertreter wie Bernt Engelmann war schon die Erwähnung des Themas ein Rückfall in den Kalten Krieg. Der VS-Gründer Dieter Lattmann fürchtete gar: „Über die Form des Menschenrechtsprotestes Systemveränderung zu erreichen, bedeutet Krieg.“ Kein Wunder, dass Bienek seine Erfolge mit ganz anderen Themen, den „Werkstattgesprächen mit Schriftstellern“ und seiner Oberschlesien-Trilogie erzielte – ähnlich wie Walter Kempowski, dessen Erstling über seine Haft in Bautzen keine tausend Leser fand.

Waren es solche Erfahrungen, die Bienek Workuta mit seinen „Details, die ich selbst schon verdrängt hatte“ so lange meiden ließen? Ein Besuch auf der Leipziger Buchmesse 1990 gab ihm den letzten Anstoß, sich dem Thema zu stellen. Nach einer Lesung hatte sich ein Mann zu Wort gemeldet, der zur gleichen Zeit in Workuta gewesen war und sich an eine Begegnung im Lager erinnern wollte. „Ich bin nach Haus gefahren“, so Bienek. „Ich habe mich an den Schreibtisch gesetzt...Ich wusste, jetzt muss ich darüber schreiben.“ Knappe 70 posthum aufgefundene Seiten hat er noch geschafft.

Dem Herausgeber dieses Fragments, seinem früheren Verleger Michael Krüger, hatte er einen „Bericht, ganz nüchtern, ganz sachlich“ versprochen. Und eine Antwort auf die Frage, „warum ich erst jetzt – vierzig Jahre danach – darüber schreibe...“ Doch eben sie, meint Krüger, „konnte er sich selbst nicht mehr beantworten.“ Hannes Schwenger

Horst Bienek:

Workuta.

Herausgegeben und mit einem Nachwort von Michael Krüger. Wallstein Verlag,

Göttingen 2013.

80 Seiten, 14,90 €.

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