Kultur : Literaturhaus: Berlin ist Benzin

Jörg Plath

Die "gelben Elektrischen" "rullern" nicht mehr, heute surren sie eher. Aber sie fahren seit einiger Zeit wieder über den Berliner Alexanderplatz, und wenn es nach dem Willen von Claude Döblin ginge, dann surrten sie bald an einem Denkmal seines Vaters vorbei. Der bebrillte Alfred Döblin stünde dort als Nachfolger der dunkelmassigen Berolina. Die Geräusche von der Baustelle des U-Bahnhofs, der das "kolossale Weib" 1927 weichen musste, hallen noch heute in seinem Roman "Berlin-Alexanderplatz" wider.

Doch der in Paris lebende, 84-jährige Nachfahr des Schriftstellers weiß nicht um die prekäre mentale und Haushaltslage der Stadt. Sie legen das beständige Recycling der 20-er Jahre nahe, in denen Berlin die Hauptstadt der Avantgarde war. So ist der Kultursenator auch nur einer unter vier Förderern der kleinen Ausstellung "Alfred Döblin und die künstlerische Avantgarde in Berlin" im Literaturhaus, mit der die hier tagende Internationale Alfred-Döblin-Gesellschaft auf ihren Autor aufmerksam machen möchte.

Am Freitagabend eröffneten Claude und neun weitere Döblins die Ausstellung mit einem kleinen Familienstreit, der die Mienen zucken ließ. Das ungestüme Wesen des Vaters blitzte noch einmal auf, der sich 1931 mit einem "oppositionell wie ich einmal bin" beschrieb. Die von Gabriele Sander erarbeitete Ausstellung begleitet Döblin von der ersten Vertreibung aus dem Paradies, der Übersiedlung 1888 von Stettin nach Berlin, bis zur zweiten Vertreibung, der Emigration 1933 in die Schweiz. In den Jahren dazwischen wird ihm Berlin ein zweiter Garten Eden, eine "mächtig inspiratorisch belebende Kraft": "Das ist das Benzin, mit dem mein Motor läuft."

Er läuft alsbald rund. Mit einem Elfenmärchen fängt es an. 1896, mit 18 Jahren, folgt eine Flaneurserzählung mit dem emblematischen Titel "Modern", dann ein Nietzsche-Aufsatz und 1900 der erste Roman "Jagende Rosse". "Tempo, Tempo!", das Motiv der 20-er Jahre, gilt für Döblins Schaffen von Anfang an. 1924 legt er gleich zwei sehr unterschiedliche Bücher vor: das Erzählexperiment "Berge Meere und Giganten" und die psychologisch einfühlsame Studie "Die beiden Freundinnen und der Giftmord". Die Werkausgabe füllt eine ganze Vitrine.Wie nur hat dieser Mann heiraten und sechs Kinder zeugen können, eines gar unehelich?

Von solch wenig germanistischen Fragen leitet die Ausstellung geschwind hinweg. Dem Familienleben, den Wohnungen, den Praxen des Nervenarztes und seiner Arbeitsweise widmet sie sich nicht, am Rande nur den herbarisierenden Spaziergängen des Feuilletonisten im proletarischen Osten Berlins. Nur das Restaurant Schlichter des Bruders von Rudolf Schlichter wird gezeigt, auch das Café des Westens. Dort im "Café Größenwahn" spottet Döblin im bohemischen "Walden-Kreis" von Herwarth Walden und seiner Frau Else Lasker-Schüler über Spießer, und in Kneipenhinterzimmern liest er "halb verkündend, halb belehrend".

An Selbstbewusstsein mangelt es dem jungen Arzt nicht. Den Futurismus begrüßt er noch enthusiastisch, über dessen literarische Zöglinge urteilt er: "Das Unzulängliche war Ereignis geworden", und Marinetti wird unterrichtet: "Pflegen Sie ihren Futurismus, ich pflege meinen Döblinismus." Den Manifesten dieser Epoche hat auch Döblin einige hinzugefügt, um den "Döblinismus" zu formulieren. Mit dem "Berliner Programm" von 1913, das Psychiatrie und Kino als Lehrmeister des epischen Stils empfiehlt, wird die Entfremdung vom expressionistischen "Walden-Kreis" deutlich.

In den Vitrinen der chronologisch voranschreitenden Ausstellung finden sich nun Kunstwerke, Holzdrucke, Zeichnungen, Gemälde - meist als Faksimile oder Kopie. Döblin kommt in der künstlerischen Avantgarde Berlins herum. Er befreundet sich mit Ernst Ludwig Kirchner und George Grosz, schreibt Vorworte für Fotobände von August Sander und Ernst von Bucovich, ein Libretto für den Komponisten Ernst Toch. Seinem Erfolgsroman "Berlin Alexanderplatz" (1929), dessen Montageprinzip eine Manuskriptseite mit eingeklebtem Zeitungsausriss anschaulich zeigt, lässt er ein "Tonfilmbuch" (Drehbuch) und ein Funkhörspiel folgen.

Konzentriert breitet die Ausstellung dieses Panorama aus. Weil sie jedoch kaum Notizen oder Tagebücher präsentiert, muss manches fehlen: das "dramaturgische Kollektiv" Erwin Piscators etwa oder die Diskussionsabende in Döblins Wohnung. Dafür gibt es den Autor zu hören, wie er 1931 eine Ausstellung eröffnet, indem er die Gemälde von Kokoschka, Slevogt und anderen beschimpft und das Bauhaus lobt. Diesem Manne gebührt ein Denkmal.

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