Literaturkritik : In Schwabylon

Jörg Harlan Rohleders Debütroman „Lokalhelden“ überzeugt mit einem eigenen Blick auf die neunziger Jahre.

Florian Zimmer-Amrhein

Eingeklemmt zwischen Mauerfall und Millennium, zwischen Ostblockzerfall und Euro-Zone gelten die neunziger Jahre als die endgültige Blütezeit westlicher Popkultur. Nur konsequent erscheint es da, dass für die jugendlichen Helden in Jörg Harlan Rohleders Debütroman „Lokalhelden“ nicht etwa der zweite Golfkrieg oder der Genozid in Ruanda identitätsstiftende Ereignisse sind, sondern der Tod von Kurt Cobain oder Quentin Tarantinos Trash-Epos „Pulp Fiction“.

„Lokalhelden“, das sind Rohleders Hauptfigur Schmall und seine Freunde aus dem schwäbischen Echterdingen. Der Roman begleitet sie von der Pubertät bis zum Abitur. Einige bleiben auf der Strecke, werden beim Dealen erwischt, schmeißen die Schule oder versinken im Drogensumpf. Für die Echterdinger Jugend bietet die beschauliche Kleinstadt wenig Alternativen zur Spießigkeit der Elternhäuser. Schmall und Co fahren Skateboard, schauen MTV und hängen in den örtlichen Diskotheken herum. Ihre erklärten Feinde sind „die Zombies“, alle Mitmenschen über dreißig, und die als Arbeitslager empfundene Schule – doch beherrscht werden sie vor allem von der durchaus berechtigten Angst, das kleine Echterdingen könnte ihr unausweichliches Schicksal sein.

Eigentlich will der Ich-Erzähler Schmall nur eins: Raus aus „Schwabylon“. Das Stuttgarter Umland als deutsche Antwort auf das biblische Babylon. Die Flucht vor dem sozialen wie emotionalen Stillstand gelingt bis auf Weiteres nur im Rausch – so exzessiv gekifft, gesoffen, Lachgas und FCKW inhaliert, Pillen geschmissen und gespritzt wurde lange nicht mehr in einem deutschen Poproman. Der aufgestaute Frust entlädt sich auf dem Heimweg von durchzechten Partynächten. Die Jugendlichen demolieren Bushaltestellen, treten Straßenlaternen aus und pissen in parkende Cabrios. „Lokalhelden“ sind sie deshalb, weil sie zwar lautstark revoltieren, aber genauso sang- und klanglos untergehen.

Rohleders ebenso tragisch-komischer wie zutiefst trauriger Roman beschreibt das Scheitern junger Menschen, denen die Welt offensteht. Allerdings hätten ihm mit seinen fast 300 Seiten Verschlankungen gut getan. Stellenweise bedient er das Genre des Popromans allzu klischeehaft, verliert er sich in Aufzählungen von Markentrends oder Bandnamen, was wie der verkrampfte Versuch einer Chronik wirkt. Auch das Skateboard-Fachgesimpel hätte sich der hauptberuflich als Redakteur für den „Musikexpress“ arbeitende Rohleder schenken können. Ansonsten überzeugt sein Roman aber mit einem eigenen Blick auf die neunziger Jahre und das Erwachsenwerden in der schwäbischen Provinz.

Jörg Harlan Rohleder: Lokalhelden. Roman. Piper, München 2010. 276 S., 16, 95€

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