• Literaturnobelpreis 2014 für Patrick Modiano: "Modiano macht den Literaturbetrieb nicht mit"

Literaturnobelpreis 2014 für Patrick Modiano : "Modiano macht den Literaturbetrieb nicht mit"

Der Literaturnobelpreis geht in diesem Jahr an den französischen Schriftsteller Patrick Modiano. Für die einen eine Überraschung, für andere eine "kluge Wahl". Stimmen und Reaktionen auf die Auszeichnung aus Stockholm.

Bücher von Patrick Modiano.
In Deutschland ist Modianos Werk noch relativ unbekannt. Mit dem Literaturnobelpreis wird sich das nun ändern.Foto: AFP

Hollande würdigt Modianos Werk als ansehnlich und subtil

François Hollande hat das Werk des neuen Literaturnobelpreisträgers Patrick Modiano als ansehnlich und subtil gewürdigt. „Er führt seine Leser bis in die tiefen Wirren der dunklen Besatzungsperiode“, erklärte Frankreichs Staatspräsident laut einer Mitteilung des Élysée-Palastes. Der französische Autor erforsche, was an der Erinnerung untergründig und an der Identität kompliziert sei. Und er versuche zu verstehen, „wie das, was geschieht, die Individuen dazu bringt, sich zu verirren oder sich zu offenbaren“.

Hanser-Lektorin: "Modiano verfolgt seine Themen konsequent"

Patrick Modiano verfolgt seine literarischen Themen nach den Worten seiner deutschen Lektorin konsequent. „Es geht immer um Erinnerung und Vergangenheit. Es geht darum, was die Zeit mit den Menschen macht und ob man Verlorenes wiedergewinnen kann“, sagte Tatjana Michaelis vom Hanser Verlag am Donnerstag auf der Frankfurter Buchmesse zum französischen Literaturnobelpreisträger.

Modianos Bücher seien stets in Paris angesiedelt, oft zur Zeit der deutschen Okkupation. Das neue Buch „Gräser der Nacht“, das bei Hanser in den kommenden Wochen herauskommt, spielt wieder in der französischen Hauptstadt - aus Sicht der Hanser-Lektorin eine spannende Liebesgeschichte aus den 1960er Jahren vor dem Hintergrund des schwierigen Verhältnisses zwischen Frankreich und Marokko.

Anders als in Frankreich sei die Fangemeinde Modianos in Deutschland lange sehr klein gewesen. In den vergangenen Jahren sei sie jedoch gewachsen, sagte Michaelis. Die Auflagen erreichten jetzt bei Hanser fünfstellige Zahlen. Modiano lebe völlig zurückgezogen und mache den Literaturbetrieb nicht mit, bestätigte Michaelis. „Ich denke, wir sollten das respektieren.“

Schwedische Verlegerin: "Das ist ein Schock für Modiano"

Dem menschenscheuen Franzosen Patrick Modiano (69) dürfte die Nachricht vom Literaturnobelpreis nach Einschätzung seiner schwedischen Verlegerin einen gehörigen Schreck einjagen. „Ich glaube, das ist ein Schock für ihn“, sagte Elisabeth Grate, die drei seiner Bücher auf Schwedisch herausgegeben hat, der Zeitung „Svenska Dagbladet“ am Donnerstag nach der Verkündung in Stockholm.

Hanser-Verleger Jo Lendle ist nicht überrascht

Für den neuen Hanser-Verleger war die Auszeichnung eine große Freude, aber keine allzugroße Überraschung: In den vergangenen zwei Wochen sei Modiano ein heißer Kandidat gewesen, sagte Lendle. Nobelpreise seien bei Hanser sozusagen eine Tradition: „Ich weiß nicht, ob weltweit irgendein Verlag so viele Nobelpreisträger hat wie der Hanser Verlag. Ich glaube, wir sind jetzt bei 15.“ Was Patrick Modiano auszeichne, sei „die Kompromisslosigkeit seiner Sprache und die Schönheit seines Französischen“. Besonders politisch sei er nicht. „Man kann nicht mit dem Literaturnobelpreis immer nur aktuell auf Krisensituationen reagieren. Es ist auch wichtig, dass die Literatur der Autoren, die nicht aus einem Krisengebiet kommen, gewürdigt wird.“

Patrick Modiano: Spurensuche in die Vergangenheit
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1 von 8Foto: dpa
09.10.2014 14:16„Archäologe der Vergangenheit“ wird Patrick Modiano in Frankreich von seinen Kritikern genannt. Besser könnte man seinen Stil...

Literaturkritiker Denis Scheck ist begeistert

Literaturkritiker Denis Scheck hat sich begeistert von der Entscheidung für Patrick Modiano gezeigt. „Man darf dem Komitee zu dieser klugen Wahl Glückwunsch sagen“, sagte er auf der Frankfurter Buchmesse. „Der Preis geht an einen Autor, der in seinem Werk scheinbar Unvereinbares miteinander verbindet, der ein gleichermaßen souveräner Artist und besessener Archivist ist.“ Modianos Werk führe oft ins Paris der deutschen Besatzung während des Zweiten Weltkriegs. „Es ist im Grunde eine einzige große Beschwörung.“ In vielen Büchern versuche der französische Autor, „den ermordeten Juden einen Platz in der Gegenwart einzuräumen“.

In Deutschland sei Modianos Werk zwar präsent, „aber es hat noch nicht die notwendigen Leser“, sagte Scheck. „Doch das wird sich jetzt ändern.“ (dpa)

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