Literaturnobelpreis : Das Herz auf der Essschale

Der Chinese Mo Yan erhält den Literaturnobelpeis. Er ist kein Dissident, aber ein Autor mit politischer Sprengkraft - ein fantastischer Realist.

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Chronist der Kulturrevolution: Mo Yan wuchs unter Bauern auf und lebt heute in Peking.
Chronist der Kulturrevolution: Mo Yan wuchs unter Bauern auf und lebt heute in Peking.Foto: dapd

„Sprich nicht“, ermahnte ihn seine Mutter zu Zeiten der Kulturrevolution, aus Angst, er könne sich um Kopf und Kragen reden. Auf Chinesisch: „Mo yan!“ Sie muss es ihm so oft eingeschärft haben, dass es für den Schriftsteller später nur natürlich war, seinen bürgerlichen Namen Guan Moye in Mo Yan, den Sprachlosen, zu ändern und ihn als eloquenter Redner wie als stoffsatter Fabulierer Lügen zu strafen. Episches Erzählen, sagte er über seinen Roman „Die Sandelholzstrafe“, müsse so breit sein wie der Yangtse. Tatsächlich ist es so farbig wie die rote Hirse, die in „Das rote Kornfeld“ bis zum Horizont wogt, und so übervoll mit Sinneseindrücken wie „Die Knoblauchrevolte“. Angezettelt von den Bauern seines Heimatdorfs Gaomi, liegt erst der Duft frisch geernteten Knoblauchs über der Region - und wenig später ein erstickender Modergeruch: Die korrupten Behörden weigern sich, die Ernte wie vereinbart abzunehmen. Es ist das Jahr 1987.

Nun erhält Mo Yan, der seine Romane, Novellen und Erzählungen nach eigenem Bekunden in mitunter anfallsartigen Schreibschüben herstellt, den Literaturnobelpreis. In seinen Büchern, so die Begründung der schwedischen Akademie, vereine der 57-Jährige „mit halluzinatorischem Realismus Märchen, Geschichte und Gegenwart“. Sprecher Peter Englund ergänzte, als er am Donnerstag Punkt 13 Uhr die Entscheidung bekannt gab, Mo Yan sei eine „Mischung aus Faulkner, Charles Dickens und Rabelais“.

Was die Schichten angeht, die sich in seinen Texten überlagern, ist das eine treffende Beschreibung. Mit William Faulkner teilt er er den Sinn für das Hypnotische einer Landschaft, die zum Dreh- und Angelpunkt eines Universums ausgestaltet wird. Gaomi, die heute 850 000 Bewohner umfassende Stadt in der Provinz Shandong südlich von Peking, in der er zusammen mit seinem Bruder und seinem Vater die ersten 20 Jahre seines Lebens verbrachte, ist für ihn, was für Faulkner Yoknapatawpha County war. Charles Dickens definiert die Meisterschaft, mit der er einem ins Magische ausgreifenden sozialen Realismus pflegt, der die Rechte des Individuums verteidigt. Und Rabelais setzt den Maßstab für ein lustvolles Wuchern der Wörter, das etwas anderes ist als Geschwätzigkeit.

Nur ist Mo Yans Realismus weniger in weltliterarischen Strömungen verankert als in zutiefst autobiografischen Erfahrungen – und einem Widerstand gegen einen lange von oben verordneten Sozrealismus, der nur strahlende Helden kennt. Selbst ein Bauernsohn, prägten den heute in Peking lebenden Autor die Geschichten der Bauern. „In unserer Gegend“, erinnert er sich im Gespräch mit Bernhard Bartsch, „gab es großartige Erzähler, die abends die wildesten Anekdoten zum Besten gaben. Das war schon früh mein Traum: wie diese Bauern endlos Geschichten erzählen zu können. Tatsächlich wurde ihre Sprache, die ungestüm, übertrieben und drastisch ist, zur Sprache meiner Bücher.“

Obsession. Mo Yan liebt die Metaphern des Essens - möglicherweise, weil er als Kind während der Kulturrevolution hungern musste.
Obsession. Mo Yan liebt die Metaphern des Essens - möglicherweise, weil er als Kind während der Kulturrevolution hungern musste.Foto: Reuters

Mo Yan hat die Kämpfe der Bauern am eigenen Leib erlebt: die Hungersnöte als Folge des „Großen Sprungs nach vorn“, der Stadt und Land Ende der 50er Jahre auf das gleiche Modernitätsniveau bringen sollte. Und den Umerziehungswahn der Kulturrevolution, die Mao zwischen 1966 und 1976 verfolgte. Wegen ihr konnte Mo Yan nur fünf Jahre die Schule besuchen. Die frühe Erfahrung des Hungers hat ihm wohl jene Obsession für das Essen und seine Metaphern eingegeben, die sich oft in seinem Werk findet. „Mit diesem Buch“, leitet er das von Zhang Yimou verfilmte „Rote Kornfeld“ ein, „beschwöre ich die erzürnten Geister der Helden, die durch die grenzenlosen roten Hirsefelder meiner Heimat schweifen. Ich, euer unwürdiger Nachkomme, bin bereit, mir das Herz aus der Brust zu reißen, es in Sojasauce einzulegen, durch den Fleischwolf zu drehen, auf drei Essschälchen zu verteilen und es euch in den Hirsefeldern als Opfergabe darzubringen. Guten Appetit!“

Die abgebrochene Schulbildung war wohl der Stachel, sich 1976 der Armee anzuschließen. Sie ermöglichte ihm ein Studium, versorgte ihn mit pädagogischen Aufgaben und schenkte ihm die Muße, das Handwerk des Schriftstellers erlernen. Wie seine Generationsgenossen Yan Lianke („Dem Volke dienen“) oder der im Bostoner Exil lebende Ha Jin („Nanking Requiem“) hat auch Mo Yan eine soldatische Vergangenheit. Nur dass sie ihn, als er die Armee 1997 verließ, seinem Staat nicht entfremdete.

Auch er hat als Schriftsteller Kämpfe geführt, geriet mit einigen Büchern zeitweise auf den Index und versteht sich doch eher als kritischer Wegbegleiter einer Nation, die ihn auch öffentlich akzeptiert. „Schriftsteller“, nimmt er für sich in Anspruch, „sind die Ärzte der Gesellschaft. Unsere Aufgabe ist es, ihre Krankheiten zu finden, auch die der Regierung.“ Diese Distanz schließt die Parteimitgliedschaft nicht aus, ja sie schließt sie für ihn sogar ein. Der „Libération“ sagte er: „Ich bleibe Mitglied der Partei, und ich will sie nicht verlassen, weil das unnötige Probleme mit sich bringen würde und fette Warum-Schlagzeilen in den Zeitungen.“

Er war Teil der offiziellen Delegation, als China 2009 Gastland der Frankfurter Buchmesse war, und er verließ mit anderen den Raum, als dissidentische Stimmen den faulen Frieden stören wollten. Solidaritätsadressen an die Marginalisierten, Inhaftierten, Verstoßenen sind seine Sache nicht. Und doch ist es zu einfach, ihn deshalb einen Opportunisten zu nennen – nicht nur aus der Perspektive westlicher Selbstgerechtigkeit, die so gut wie nie etwas riskiert. Denn Mo Yan, der zahlreiche Staatspreise gewann, bringt seine einheimischen Leser sehr wohl zum Erfühlen und Durchdenken historischer und heutiger Strukturen. Auf seine Weise ist er ein Autor mit politischer Sprengkraft, und dass er für das Motto zu „Die Knoblauchrevolte“ ungeniert Josef Stalin bemüht, zeugt von einem Referenzsystem, das sich mit dem unseren nicht so leicht in Einklang bringen lässt. „Romanautoren versuchen immerzu, sich von der Politik zu distanzieren, aber der Roman selbst kreist um die Politik. Romanautoren beschäftigen sich zu sehr mit dem ,Menschenschicksal’, dass sie dazu neigen, ihr eigenes Schicksal aus den Augen zu verlieren. Darin liegt eine Tragödie.“

Mo Yan ist im Gegensatz zu Ma Jian („Red Dust“) kein Rebell, der von einem moralisch haltlos gewordenen China erzählt, das wirtschaftlich überhitzt ist. ber er bringt seinen Lesern gerade in seinem etwas altmodischen Erzählüberschwang nahe, woraus diese neue Welt gewachsen ist. Europäer, deren Horizont oft nur von Paris nach Mailand reicht, sollten dieses Angebot nicht ausschlagen.

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