LITERATURVERFILMUNG„Lady Chatterley“ : Frühlingsgefühle

Christina Tilmann

Es wird immer heller, schon in den Klamotten. Dunkle Brauntöne, rostrot, grau trägt Constance Reid (Marina Hands) ganz am Anfang. Sie hüllt sich dicht in einen langen Schal, nur die weißen Strümpfe blitzen unterm langen Rock. Ganz züchtige Ehefrau, voll dienender Unterwürfigkeit. Es ist ja Herbst, Herbst auch in der noch jungen Ehe, in der wegen einer Kriegsverletzung des Ehemanns nichts mehr läuft. Rücksicht, Schonung, Zurückhaltung bestimmen Connys Rolle. Sie spielt sie perfekt. Aber dann kommt der Winter, und wieder der Frühling, und mit ihm nicht nur die ersten Narzissen, sondern auch leichtere, hellere Kleider, die Müdigkeit, diese lähmende Müdigkeit weicht, und irgendwann rennt Conny durch den Wald wie ein junges Füllen, und ebenso neugierig erforscht sie das, was sich ihr in den Weg stellt: einen Mann.

Es ist nichts geblieben von Skandalträchtigkeit, in Pascale Ferrans herausragend sensibler Verfilmung von D. H. Lawrences Roman „Lady Chatterley“. Sicher, es gibt Sexszenen, gar nicht zu knapp, aber eigentlich sind das keine Sexszenen, sondern Körper- und Selbsterforschungsszenen. Und Conny mit ihrem offenen, verwunderten Blick begibt sich mit kindlicher Unschuld in diese Situationen, entdeckt ihren eigenen Körper und den des Mannes dazu. Da ist keine Peinlichkeit, ganz im Gegenteil, reine Poesie, wenn sie sich gemeinsam mit ihrem Geliebten, dem Wildhüter Parkin (Jean- Louis Coulloc’h), auf den Boden der Holzhütte legt, oder im Regen Fangen spielt, und am Ende schmücken sie sich vor dem Kamin gegenseitig mit Blumen. Das hätte ganz fürchterlich danebengehen können, aber stattdessen ist es ganz wunderbar gelungen, eine der großen Liebesszenen im Film.

Schon im Panorama der Berlinale war dieser 170-Minüter die große Entdeckung des Jahres: ein scheinbar altmodischer Film, der sich alle Zeit nimmt, der Natur und den Gefühlen beim Wachsen zuzusehen, und doch etwas ungewohnt Gewagtes versucht. Die Prüderie des frühen 20. Jahrhunderts mit den langen Röcken und den noch längeren Nachthemden mag zwar vorbei sein, aber von weiblicher Angst, Verklemmtheit und erweckter Lust so zu erzählen, dass das für heute noch ebenso gültig ist, das ist die große Leistung, um die dieser schöne Film so angenehm wenig Aufhebens macht. Wunderbare Liebesgeschichte. Christina Tilmann

„Lady Chatterley“ (Director’s Cut), F 2006,

167 Min., R: Pascale Ferran, D: Marina Hands, Jean-Louis Coulloc’h, Hippolyte Girardot

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