Literaturwissenschaft : Über allen Gipfeln

Lässig elegant: Peter Wapnewski zum 85. Geburtstag.

Hermann Rudolph

Das Bild gehört zum kulturellen Leben Berlins: wie er, schmal und mit lässiger Eleganz, am Rednerpult steht, Auftritt und Thema wahrhaftig zelebriert, sein eminentes Formulierungsvermögen auskostet, und dabei, gleichsam en passant, intellektuell durchaus zugespitzte Weisheiten unter seine Zuhörer bringt. Jeder Zoll ein Herr, eine Ikone der Bildungsbürgerlichkeit, aber Peter Wapnewski hat auch – was man gern vergisst – ein Leben lang Lehre und Forschung in den abgelegenen Gehöften der älteren Germanistik betrieben, ist Autor von Werken zum Minnesang wie zum Parzival, hat sich in Hörbüchern in volkspädagogischer Absicht um die Verbreitung seiner akademischen Leidenschaft bemüht. Dazu war er als Kritiker und Essayist ein Befruchter des deutschen Literurbetriebs. Als Instanz der Wagner-Interpretation ohnedies über allen Gipfeln. Und dabei ist noch gar nicht die Rede davon gewesen, dass er als Gründungsrektor des Wissenschaftskollegs in den achtziger Jahren eine der wichtigsten Innovationen der Stadt zu einem Erfolg brachte, der weiterwirkt.

Dass Wapnewski in den letzten Jahren der – für jemanden wie ihn obligaten – Pflicht nachgekommen ist, seine Erinnerungen zu schreiben, hat diesem Fixstern am Kulturhimmel einen sehr persönlichen Kontrapunkt gesetzt. Glänzend geschrieben, überraschend offen, überbrachten sie das Zeugnis eines von den Zeitumständen halbierten Lebens: die strahlende Gelehrten- und Intellektuellenexistenz, die er geführt hat, untergründig angefochten von der bedrückenden Erinnerung an die Vergangenheit in Drittem Reich und Krieg, die basso continuo des Lebens wurde. Ein Dokument der Traumatisierung einer ganzen Generation. Eine späte, bewegende Eröffnung, die das moralische, von der historischen Erfahrung getragene Gerüst dieses homme de lettres und bekennenden Adepten der ars bene vivendi, der Lebenkunst erkennen lässt.

Denn auch die gehört zu Wapnewski.Die vielen Ämter und Aufgaben, die er bekleidete, als Vizepräsident des Goetheinstituts, im PEN-Club, in der Akademie für Sprache und Dichtung waren für ihn immer auch ein Feld, auf dem er, eine gesellschaftliche und gesellige Eminenz sui generis, seine Fähigkeit praktizierte, in vielen Bezügen und Beziehungen zu leben. Auszeichnungen, wen wundert’s, reichlich: natürlich, bei einem Stilisten wie ihm, der Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa, nicht weniger verdient die Rahel-Varnhagen-Medaille zur Förderung des literarischen Lebens in Berlin, die Reuter-Plakette, Berlins höchste Anerkennung, die Ehrendoktoren nicht gerechnet. An diesem Freitag wird Peter Wapnewski 85 Jahre alt.

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