Kultur : "Little Senegal": Afrika sieht Amerika

Julian Hanich

Der hagere, alte Mann bricht zu einer Reise auf. Alloune (Sotui Koyate) forscht nach der Genealogie seiner Ahnen, die als Sklaven nach Amerika verschifft wurden. Es wird eine Spurensuche, die ihn von Dakar über die weißen Plantagen in South Carolina nach "Little Senegal" führt, ein Afrikaner-Viertel in New York. Für die Sklaven vor 200 Jahren war es einst eine Reise ohne Wiederkehr. Alloune kommt am Ende nach Afrika zurück. Und das ganz bewusst.

Der Regisseur Rachid Bouchareb ist ein beur, ein Algerier aus Frankreich. Mit nordafrikanischem Blick schaut er auf Amerika, ins Innerste der black community. Die Wohnungen sind schäbig, eng und dunkel, die Menschen einsam. Die Kiosk-Besitzerin Ida (Sharon Hope) etwa, mit der Alloune später eine rührende Beziehung beginnt. Oder ihre Enkelin Eileen, ein Teenager noch, die von zu Hause abgehauen ist und schwanger auf der Straße lebt. Alloune trifft auf Rassismus von Schwarzen (amerikanisch) gegen Schwarze (afrikanisch). Er wird mit der Geschichtsvergessenheit der Afroamerikaner konfrontiert. Er sieht die Probleme der Integration. Und in den Fernsehnachrichten verfolgt er, wie Schwarze in Amerika zu Opfern werden, geschändet und erschossen.

Das klingt nach beißender Amerika-Kritik. Doch Bouchareb setzt nicht zur flammenden Anklage an. Woher die Probleme der Afroamerikaner kommen, interessiert ihn nicht. Statt dessen sieht er sich um, wie die Nachkommen der Sklaven heute leben. Ganz ruhig tut er das. Mit traurigem Blick. Wie von Fern wehen die wehmütigen Töne des Blues und Jazz herüber. Und immer wieder Gospelgesang.

"Little Senegal" ist ein bewegender Film. Aber er ist auch ein sehr einfacher, ein vereinfachender Film. "In Afrika bist du nie allein. In Amerika musst du ums Überleben kämpfen", sagt Alloune einmal. Afrika wird zur Versprechung. Die dunkle Realität des Schwarzen Kontinents aber bleibt eine Leerstelle. Alloune ist ein gebildeter Mann, der Weise aus der Fremde. Doch an den Schwierigkeiten der Schwarzen in Amerika scheitert auch er. Afrika mag der Platz sein, an dem die Vergangenheit aller Schwarzen beginnt. Doch in der Gegenwart haben die amerikanischen Schwarzen ihre eigenen Probleme. Die Erinnerung an Sklaverei und Herkunft hilft da nicht weiter.

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