Liu Xiaobo : Ein neues Gesicht für China

Stimme der Opposition: Bei Ling hat die Biografie des Friedensnobelpreisträgers Liu Xiaobo geschrieben.

Bei Ling, 51, ist ein chinesischer Schriftsteller und Dissident, der nach seiner Ausweisung aus China in den USA und Taiwan im Exil lebt. 2009 wurde er von der Frankfurter Buchmesse auf chinesischem Druck hin ausgeladen. Im Riva-Verlag erscheint jetzt seine Biografie Liu Xiaobo.
Bei Ling, 51, ist ein chinesischer Schriftsteller und Dissident, der nach seiner Ausweisung aus China in den USA und Taiwan im...Foto: Yang Xiaobin

Herr Bei Ling, stimmt es, dass Sie den Ärger der chinesischen Regierung über die Verleihung des Friedensnobelpreises an ihren inhaftierten Freund und Regimekritiker Liu Xiaobo zu spüren bekommen haben?

Ja, als ich am 4. November mit Air China von Frankfurt nach Taiwan fliegen und am Pekinger Flughafen umsteigen wollte.

Was ist passiert?

Als die Tür des Flugzeuges in Peking aufging, standen dort bereits 20 Polizisten. Ein Kameramann hat alles gefilmt. Sie haben mich mitgenommen, aber es war keine richtige Befragung. Sie wollten nur überlegen, ob ich nach Taiwan weiterfliegen darf. Irgendeiner hat dann entschieden: Sendet ihn zurück nach Frankfurt.

Warum sind Sie überhaupt über Peking geflogen? Sie dürfen seit Ihrer Ausweisung im Jahr 2000 nicht nach China einreisen.

Ich versuche immer am Pekinger Flughafen umzusteigen. Ich bin immer besonders berührt, wenn ich auf seinem Boden stehe. Schriftsteller müssen ihr Gefühl benutzen. Ich habe ein Essay über mein letztes Umsteigen auf dem Flughafen in Peking im November 2009 geschrieben, es war ein sehr emotionaler Moment. Es hatte geschneit. In Taiwan, wo ich im Exil meine zweite Heimat gefunden habe, fällt im Winter kein Schnee.

Menschenrechtsorganisationen beklagen eine Verschärfung der Situation für Dissidenten in China seit 2008.

Es ist schrecklich geworden, besonders in den Monaten nach der Verleihung des Friedensnobelpreises. Ich denke, im Moment erleben wir den schlimmsten Zustand seit der gewaltsamen Niederschlagung der Demokratiebewegung 1989.

An der Demokratiebewegung war auch der Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo beteiligt. Woher kennen Sie ihn?

Ich kenne ihn seit 1986, aber vor allem 1989 in New York waren wir sehr eng zusammen, bevor er spontan zurück nach Peking zu den Studenten auf den Tiananmenplatz ging. Im Jahr 2000, als ich in China im Gefängnis saß …

… weil Sie in China die Literaturzeitschrift Tendency veröffentlichen wollten …

… hat er sich sehr um mich gekümmert. Als er zuvor drei Jahre im Arbeitslager war, habe ich versucht, Geld zu sammeln und ihn finanziell zu unterstützen. Außerdem hat er mir in New York mitgeholfen, das unabhängige chinesische Pen-Zentrum zu gründen. Wir teilen viele denkwürdige Momente miteinander.

Nun habe Sie Liu Xiaobos Biografie „Der Freiheit geopfert“ geschrieben.

Eigentlich habe ich dieses Buch schon 1989 angefangen, als Liu Xiaobo zum ersten Mal ins Gefängnis musste. Ich war damals sehr traurig und aufgewühlt und wollte diese Erinnerungen aufschreiben. Auch in meiner eigenen Biografie, die ich in diesem August für den Suhrkamp-Verlag fertig gestellt habe, hat meine Beziehung zu Liu Xiaobo eine große Rolle gespielt. Nach der Verkündung des Friedensnobelpreises habe ich diesen Teil dann in Liu Xiaobos Biografie übernommen. Ich habe noch 45 Tage gebraucht, um das Buch zu beenden.

Wie ist ihr Verhältnis zu Liu Xiaobo?

Wir gehen sehr direkt miteinander um, nicht wie Gentlemen. Wir sind sehr ehrlich, können uns gegenseitig kritisieren. Ich bin mit vielen seiner politischen Entscheidungen nicht einverstanden, auch mag ich nicht, dass er oft egoistisch denkt und immer sein eigenes Spiel spielen will. Aber seit ich ihn kenne, ist er immer mehr zu einer politischen Figur geworden, die unermüdlich nach größeren Freiheiten in China verlangt

Wie hat er sich verändert?

Früher hat er gesagt, ich will berühmt werden, ich muss in jede gefährliche Situation gehen und darin bleiben. Nun kooperiert er besser und organisiert nicht mehr alles alleine. Aber tief innen drin, glaube ich, hat er sich nicht verändert.

Welche Rolle spielt er bei der Verfassung der Charta 08, einem Manifest für Demokratie in China, für das er wegen „Aufforderung zum Umsturz des Staates“ zu elf Jahren Haft verurteilt worden ist?

Die Charta 08 ist von mehreren Leuten geschrieben worden. Aber Liu Xiaobo fand, dass sie nicht besonders gut geschrieben ist, und hat sie korrigiert. Ich erinnere mich, dass er immer noch am Computer geschrieben hat, als die Polizei an die Tür klopfte und ihn mitgenommen hat. Die Charta sollte offiziell am 10. Dezember 2008 publiziert werden, am Tag der Menschenrechte. Die Polizei kam aber schon am 8. Dezember und hat ihn festgenommen. Danach ist die Charta sofort veröffentlicht worden.

Wie groß ist die Gemeinschaft der Dissidenten in China zurzeit?

Sie ist groß und klein. Wenn die Regierung sie nicht gerade bedroht, wächst sie sehr schnell. Aber wenn die Regierung die Bewegung stoppen will, ist sie nahezu verschwunden. Wie am 10. Dezember, als der Friedensnobelpreis vergeben wurde. Da hat die Regierung zahlreiche Dissidenten verhaftet und großen Druck ausgeübt, das Internet und Telefone kontrolliert. Die Dissidenten wurden zum Schweigen gebracht, das ist eine Schande. Aber wenn die Regierung eines Tages die Kontrolle verliert, wird die Bewegung der Dissidenten sehr schnell wachsen.

Könnte die chinesische Opposition im Moment überhaupt die Regierung übernehmen?

Ich denke, wir sind heute eher bereit als vor 21 Jahren auf dem Tiananmenplatz. Wir warten schon so lange, warum sollen wir das nicht können? Wir können diesem Land sofort ein neues Gesicht geben. Die Kommunistische Partei sollte wissen: Sie kann nicht dieses Land für 100 Jahre kontrollieren. Sie muss sich verändern und Wahlen zulassen. Oder mindestens die Meinungsfreiheit zulassen.

In China hat man zurzeit den Eindruck, dass die Menschen sich viel mehr für ihren wirtschaftlichen Fortschritt interessieren als für Demokratie und Politik.

Sie sollten in Cafés und Bars gehen, da reden die Menschen offen und mutig. Mehr und mehr Intellektuelle wollen offen etwas sagen und fürchten sich nicht davor, ihre Position zu verlieren. Diese Situation ist viel besser als vor zehn Jahren.

Chinas Regierung argumentiert oft, dass das Land eine starke autoritäre Regierung brauche, weil es sonst wie Jugoslawien oder die Sowjetunion auseinanderfalle.

Das stimmt nicht. In Indien gibt es auch eine Demokratie, dort gibt es kein Chaos und Auseinanderfallen, sondern eine offene Gesellschaft. Und es gibt dort auch Wirtschaftswachstum. Die chinesische Regierung benutzt dieses Argument immer, damit die Menschen freiwillig auf ihre Rechte verzichten. Es stimmt zwar, dass 20 Prozent der Mittelklasse in China die Kommunisten unterstützen, weil die Partei ihnen schnelles Geld und Lebensqualität beschert. Weitere 20 Prozent unterstützt in ihrem Inneren die Demokratie. Der Rest unterstützt mal die einen, mal die anderen, je nachdem, was passiert. Ich erinnere mich immer noch an Mai und Juni 1989, als drei Millionen Pekinger Bürger den Studenten auf dem Tiananmenplatz geholfen haben. Sie haben die Panzer gestoppt. Es war unglaublich.

Kann Liu Xiaobo der Führer der politischen Opposition in China werden?

Nobelpreisgewinner haben in jedem Land großen Einfluss. Wenn er entlassen wird, kann alles passieren. Vielleicht wird er der neue Führer Chinas, vielleicht wird er der Königsmacher. Aber er muss auch aufpassen, manche unter den Dissidenten mögen ihn nicht. Er muss mehr lernen, den anderen zuzuhören und die Menschen zu vereinen. Er muss ein offeneres Herz haben. Wie Gandhi in Indien oder Aung San Suu Kyi in Burma. Aber seine Stimme ist bereits jetzt die wichtigste und einflussreichste der Opposition in China.

Das Gespräch führte Benedikt Voigt.

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