Live-Earth-Konzerte : Völker, hört das Banale!

Globaler Wohlfühl-Aktivismus: Al Gore treibt die Allianz von Pop und Politik auf die Spitze. Über Sinn und Maß des Unternehmens lässt sich trefflich streiten.

Martin Büsser

Kaum sind die letzten Akkorde von Grönemeyers G-8-Konzert verhallt, kaum die letzten Pappbecher der Diana-GedenkShow eingesammelt, da schielt schon das nächste Pop-Großereignis nach dem Superlativ. Für heute, den 7.7.07, hat Schirmherr Al Gore nichts Geringeres als das größte Benefiz- und Musikereignis der Menschheitsgeschichte angekündigt, das in sieben Städten auf sieben Kontinenten gleichzeitig stattfinden soll. Das symbolträchtige Datum und die schiere Dimension von „Live Earth“ verhehlen nicht, dass sich hier jemand in die Geschichte einschreiben will – natürlich für einen guten Zweck. Mit dem Erlös soll eine Stiftung für Klimaschutz eingerichtet werden, ins Leben gerufen von der Umweltorganisation „SOS“ (Save Our Selves), deren Vorsitzender ebenfalls Al Gore ist. All das nährt Zweifel an der Kreditwürdigkeit des Unternehmens, auch wenn es nur um moralische Werte geht. Doch selbst die größte Profilneurose wäre verzeihlich, ließe die Veranstaltung wenigstens Sinn und Maß erkennen.

Auf 150 Bühnen werden innerhalb eines Tages so unterschiedliche Künstler wie Madonna, Metallica, Enrique Iglesias, The Police, Bon Jovi und Linkin Park auftreten. Was sich wie ein „Who is Who“ des Pop liest, angereichert mit weniger bekannten lokalen Namen, die auf den Bühnen von Brasilien, China und Japan für ein wenig Ethno-Flair sorgen sollen, ist an Beliebigkeit kaum zu überbieten. Für „Live Earth“ wird aufgeboten, was einen großen Namen hat, ganz gleich ob Heavy Metal, HipHop oder verkappter Schlager – Klimaschutz bringt die Popwelt wie auf einer großen lärmenden Arche Noah zusammen und vereint selbst Namen, die sich unter normalen Umständen aus guten Gründen nie begegnen würden.

Aber was ist schon normal an einem Musikfestival, das die Welt retten will? Weder sind die Musiker zuvor durch umweltbewusstes Engagement aufgefallen, noch gehören sie zu einer Branche, die für ihren behutsamen Umgang mit Energieressourcen bekannt wäre. „Wir verwenden sehr viel Elektrizität und Benzin, um unsere Ärsche durch die Gegend zu kutschieren“, sagte US-Sänger Isaac Brock. „Das nagt an mir, aber es ist auch meine Lebensgrundlage, so wie jeder auf andere Art in dieses Schlamassel verwickelt ist.“

„Live Earth“ hat kein Profil und will auch gar keines haben. Die Initiatoren überspielen mit der breitesten nur denkbaren Allianz den Umstand, dass der Klimawandel selbst ein viel zu komplexer Vorgang ist, um ihn mit den Mitteln der Spaßkultur aufzuhalten. Aber das Publikum muss schlucken, was der guten Sache dient. Die Zeit der Genre-Puristen und Verzichtsapostel mag zwar vorbei sein, dennoch wird sich wohl kaum ein Metallica-Fan finden lassen, der auch auf Shakira steht und das Ozonloch für sein dringendstes Problem hält.

So war eine Woche vor dem Hamburger „Live Earth“-Konzert in der AOL- Arena immer noch erst knapp die Hälfte der Karten verkauft. Die Veranstalter wandten sich daraufhin an die Schulen und baten Lehrer, im Unterricht für das Konzert zu werben. Wenn Politiker Popkonzerte organisieren und Lehrer sie anpreisen, bleibt den Schülern kaum etwas anderes mehr übrig, als sie erst recht zu meiden. Joe Strummer, 2002 verstorbener Sänger von The Clash, erklärte kurz vor seinem Tod, dass eine Bewegung wie Punk undenkbar geworden sei, weil alte Fronten nicht mehr existierten. „Die Rollen waren damals anders verteilt. Maggie Thatcher und Helmut Kohl waren keine Popstars, sondern natürliche Feinde der Popkultur. Das hat sich verändert.“

Seit nicht mehr unterschieden werden kann, ob Politik der verlängerte Arm der Popkultur oder Pop der verlängerte Arm der Politik ist, hat Pop auch als politischer Störsender ausgedient. Das verruchte Image einer alle Autorität infrage stellenden Do-it-yourself-Bewegung wie Punk ist einem verwässerten Pop-Engagement gewichen, dessen Forderungen sämtliche Parteien unterschreiben könnten. In Heiligendamm wollte selbst die NPD auf den Protestzug springen. Ein gekränkter, weil um seine Benefiz-Hegemonie geprellter Bob Geldof kritisierte Al Gore dafür, dass das Motto von „Live Earth“ nichts Besonderes und das Problem des Treibhauseffekts jedem seit Jahren bekannt sei.

Das gilt allerdings auch für die Armut in Afrika, gegen die sich Geldof stark macht. Wo Popmusiker und Politiker mit den stets gleichen warmherzigen Floskeln für die gute Sache und vor allem für sich selber werben, sind sich alle einig. Dem Pop ist dabei verloren gegangen, was ihn einmal gegenüber der Politik „cool“ oder doch zumindest glaubwürdig gemacht hat: der Standpunkt einer außerparlamentarischen Opposition. Man wünscht sich erneut eine Band wie S.Y.P.H., die 1979 während der Blütezeit der Friedens- und Ökologie-Bewegung ein lautstarkes „Zurück zum Beton“ gefordert hatte.

 Von einer solchen Affirmation all dessen, was einen kaputt macht und entfremdet, ist der neue Öko-Pop weit entfernt. Für ihn sind Kapitalismus und Globalisierung eine dufte Sache, solange alles nur ein wenig menschlicher und ökologischer vonstatten geht. So inszeniert sich der Lifestylekapitalismus über das „Live Earth“-Spektakel als Zukunftsmarkt. Umweltzerstörung kommt als schöne bunte Welt zu uns zurück. Als Hauptsponsoren konnten der Elektrokonzern Philips und die PepsiCo und eBay gewonnen werden. „Greenpeace“ sagte seine Beteiligung am Hamburger Konzert ab, nachdem bekannt wurde, dass auch der Automobilhersteller Smart als Geldgeber auftritt und während der Veranstaltungen einen Shuttle Service zur Verfügung stellt.

 Niemand hingegen hat sich bislang daran gestört, dass der Pestizid-Gehalt der von PepsiCo in Indien hergestellten Getränke laut einer Studie des indischen Zentrums für Wissenschaft und Umwelt (CSE) die EU-Standardwerte um das bis zu 200-Fache übersteigt. Auch Al Gore nimmt es mit dem Umweltschutz nicht allzu genau. Für das großspurig angekündigte Konzert in der Antarktis wollte er eine international bekannte Band in den ewigen Frost fliegen lassen. Erst als ihm die Arbeiter der dortigen Rothera-Station erklärten, dass die Landebahn im Juli völlig unbrauchbar sei, wurde die lokale Band Nunatak engagiert. Die kennt zwar niemand, sie werden aber sowieso nur vor etwa einem Dutzend Zuschauern auftreten. Damit könnte das kleinste und intimste Konzert dieses Pop-Marathons vielleicht auch das beste werden.

„Wir sind zu klein, um uns zu verlieren“, sagte der kleinwüchsige Zirkusartist in Volker Schlöndorffs „Blechtrommel“-Verfilmung zu Oskar Matzerath. „Live Earth“ dürfte den gegenteiligen Effekt haben: Es ist zu groß, um überhaupt noch fassbar zu sein. Seine Überbietungs- und Überwältigungs-Ästhetik bringt selbst das Fernsehen an die Grenzen des Bündel- und Strukturierbaren. Dem kommunikativen Kraftakt, sämtliche Stimmen zur telegen-virtuellen Ganzheit zu versammeln, droht die semantische Implosion und mit ihr das Verstummen. Der einzig positive Nebeneffekt, den dies haben könnte, ist Überdruss. Nicht Überdruss am Umweltschutz, sondern an solchen Großereignissen, deren ästhetische Indifferenz die Unverbindlichkeit der Öko-Hipness verdeutlicht.

Erst wenn die Blase eines moralischen Wohlfühl-Aktivismus geplatzt ist, der sich der Popmusik nur als emotionalem Katalysator bedient, besteht überhaupt wieder die Möglichkeit, über die politische Tragweite von Klängen nachzudenken. Nur da, wo Musik zu sich selbst kommt und nicht als Sprachrohr für oder gegen etwas fungiert, kann sie ein zumindest symbolisches Dagegensein vermitteln. Mehr sollte von ihr gar nicht verlangt werden. Aber auch nicht weniger.

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