LIVEKONZERT : Exzess als Grundhaltung

Liverpool ist überall: Wenn die Wombats ihre Britpop-Partyhymnen live spielen, endet das meist mit kollektiver Raserei – so wie gerade im Berliner Postbahnhof

Jörg W,er

Keine britische Band hat das Berliner Konzertpublikum in jüngerer Zeit so verwöhnt wie die Wombats: Wenn die inoffizielle Zählung korrekt ist, müsste der Auftritt in der mit über 1800 Zuschauern ordentlich gefüllten Gleishalle des Postbahnhofs bereits ihr fünfter innerhalb der letzten 18 Monate sein. Die anhaltende Begeisterung für die aufgedrehten Songs des Trios aus Liverpool ist insofern bemerkenswert, als sie ihre Fans in der Zwischenzeit nicht gerade mit neuer Musik überschwemmt haben. Immer noch ist ihr Ende 2007 erschienenes Debütalbum „A Guide to Love, Loss & Desperation“ die Grundlage für eine gute Stunde reueloser Britpop-Raserei.

Aber diese sensationellen Hits haben keine Halbwertszeit: „Backfire in the Disco“, „Kill the Director“, „Moving to New York“ oder „School Uniforms“ sind astreine Ohrwürmer, die niemals in die stumpfe Bierzelt-Banalität mancher Kaiser-Chiefs-Songs abkippen. Irgendwo zwischen den verschachtelten Post- Wave-Hymnen von Maxïmo Park, den bilderstürmerischen Riffgewittern der Arctic Monkeys und dem überschlauen Meta-Pop von Art Brut finden die Wombats ihren Platz in der Britpop-Hierarchie. Dass da drei Anfangzwanzigjährige auf der Bühne stehen, mag man kaum glauben. Die Wombats sind naturtalentierte Rampensäue mit einem großen Herz für britischen Humor: Gitarrist und Sänger Matthew Murphy und Drummer Dan Haggis spinnen in ihrem breiten nordenglischen Akzent ein dichtes Geflecht an anspielungsreichen Scherzen, während der blasse, schöne Norweger Tord Øverland Knudsen den verschmitzten Band-Schweiger gibt, der die Mädchenherzen mit keckem Augenaufschlag zum Schmelzen bringt.

Trotz des selbst in der Reihenfolge kaum veränderten Repertoires klingt im Konzert nichts nach Routine: Die Songs leben von winzigen Veränderungen, improvisierten Einsprengseln, kleinen Abweichungen der Gitarrenschraffuren, subtilen Rhythmus-Beschleunigungen und angedeuteten Dub-Passagen. Und wie immer kommt das Beste gegen Ende: „Let’s Dance to Joy Division“, Murphys referenzreiche Imagination einer alkoholgeschwängerten Partynacht, die in einem Table-Dance zu „Love Will Tear Us Apart“ mündet, bringt schon bei jedem Indie-DJ-Set die Menge zuverlässig zum Toben. Kein Vergleich indes zum tumultartigen Gewühle, das im Konzert für drei Minuten kollektiver Raserei sorgt. Es ist Euphorie, Baby!Jörg Wunder

Sie sind naturtalentierte Rampensäue mit großem

Herz für britischen Humor

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