LIVEKONZERT : Ravel für Raver

Carl Craig und Moritz von Oswald mischen im Berghain den Bolero neu ab

Volker Lüke

Wenn nicht alles täuscht, ist die Verbindung von Klassik und Techno der allerneueste Trend. Im Mittelpunkt steht dabei die dritte Folge der „ReComposed“-Reihe, mit der die Deutsche Grammophon Anschluss an die Clubkultur sucht, indem sie Werke der Berliner Symphoniker remixen lässt. Nachdem Matthias Arfmann und Jimi Tenor mit so einem Projekt kläglich gescheitert sind, hat sich das Label mit der Detroit-Techno-Legende Carl Craig und dem Basic-Channel-Mitbegründer Moritz von Oswald zwei Asse ausgesucht, denen es um mehr geht als darum, den Originalwerken eine fette Bassdrum unterzujubeln.

Bei der Live-Präsentation im proppevollen Berghain werden die beiden von einem neunköpfigen Klassik-Ensemble unterstützt, das mit Harfe, Klavier, Bass, Schlagzeug und Fünfer-Bläsersatz einen hermetischen Raum zum Wegdriften aufklappt. Angetrieben von einem Dirigenten, der die Musiker für 30 Minuten schwungvoll durch Ravel’s „Bolero“ führt, während Craig und von Oswald das berühmte Stück mit warmen Synthie-Sounds grundieren und nach klassischer Minimal-Art mit Loops und Hallschleifen strecken, als wär’s eine Partitur von Terry Riley. Dabei wird deutlich, das der „Bolero“ mit seinem rhythmischen Ostinato-Muster schon immer clubtauglich war.

Es pulst und bebt und steigert sich, bis alles von einem Schwall zischender Elektronik verschluckt wird. Trotzdem ist das Ganze zu offensichtlich und der Auftritt nicht halb so spektakulär wie die grandiose Studioarbeit von Craig und von Oswald, wo sie aus den Originalaufnahmen von Ravel und Mussorgsky ein völlig neues Stück entwickeln, einen fiebrigen Clubtrack, der den Vorwurf einer bildungsbürgerlichen Bastardmusik weit von sich weist und Einsichten in das heutige Verständnis von systemübergreifenden Klangwelten vermittelt. Darauf, das diese Musik in den Clubs läuft, wird man nicht lange warten müssen. Morgen wird das Album veröffentlicht. Selbstverständlich auch als Vinyl. Volker Lüke

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